Ungläubiges Staunen, Fassungslosigkeit, Flüstern. Aller Augen hatten nur ein Ziel. Es war ein Mann, der die 15 Mark für einen Platz im "Sesselrang" gespart hatte und eingekeilt zwischen Zuschauern auf der Galerie stand.

Der Auktionator war gerade bei 16 500 Mark angekommen. "Sechzehneinhalb zum ersten – sechzehneinhalb zum zweiten – sechzehneinhalb für ‚Wellington‘ ..." spielte mit dem Hammer, legte ein beschwörendes Tremolo in seine Stimme: "Dieses Pferd liebe ich... So etwas von Temperament habe ich auf der Erde noch nicht gesehen ... sechzehneinhalb ..." Der Mann auf der Galerie schwenkte sein Programmheft. Der Auktionator stutzte: "Ist das ein Gebot. Der Mann winkte noch einmal. "Siebzehn sind geboten, siebzehn zum ersten ..." Der Mann auf der Galerie winkte noch öfter, bei neunzehn, bei einundzwanzig, bei dreiundzwanzig.

"Zum dritten!" Der Elfenbeinhammer landete mit elegantem Schwung auf dem Pult. Es gab einen hellen Knall, der Kauf war perfekt: 23 000 Mark hieß das letzte Gebot für den vierjährigen Fuchswallach Wellington auf der Versteigerung in Verden an der Aller. Der Auktionator legte den Hammer beiseite und rüstete sich für die Zeremonie: Er klemmte das Monokel ins rechte Auge, nahm ein Nelkensträußchen aus dem Plasticeimer, der neben ihm stand, setzte den bereitliegenden grauen Zylinder auf und harrte des Käufers. Aber der kam nicht. Es war jener Mann auf der Galerie der Niedersachsenhalle.

Nun steht Wellington in der Bahn und wartet auf seinen neuen Herrn. Zwei Helfer legten eine Stalleiter an die Ballustrade. Der Auktionator erklomm sie langsam und würdevoll. Ein Händedruck, der Strauß ward überreicht, ein paar Worte fielen, dann drehte sich der Auktionator um und verkündete von der obersten Sprosse: "Er geht nach Dortmund!"

23 000 Mark sind viel Geld für ein Pferd. Gewiß, ein Spitzenpferd "mit viel Adel und Guck", von dem der illustrierte Trainingsbericht sagt: "Trägt sich von selbst in beispielhaftem Bewegungsablauf ... vor allem wohl ein Dressurpferd überragender Qualität." Aber 23 000 Mark? "Ein großes Risiko", sagt jemand.

Solche Preise bleiben Ausnahmen. Für ein Zehntel dieses Betrages wechselte die sechsjährige Abbazzia, "ein hochveranlagtes Springpferd", den Besitzer. Und auch der fünfjährige Leporit, "ein interessantes Nachwuchs-Springpferd", brachte nicht mehr. Und wer weiß, ob es mit ihnen nicht ähnlich geht wie mit Alwin Schockemöhles Ferdl, der seinerzeit auf der Verdener Auktion nur 2100 Mark gekostet hat und diesen Sommer in Rom die Goldmedaille für die deutsche Mannschaft gewinnen half. 29 616 Mark hat der Wallach seinem Besitzer bisher an Gewinnen eingebracht.

Nur einmal hatte der Auktionator an diesem Nachmittag noch Gelegenheit, seinen grauen Zylinder aufzusetzen und einem Käufer mit eleganter Verbeugung einen Nelkenstrauß zu überreichen: 17 500 Mark zahlte ein Amerikaner für die 1956 geborene Fregatte, die den gleichen Vater wie Ferdl hat. Vier Blumensträuße, den Käufern vorbehalten, die mehr als 10 000 Mark für ein Pferd anlegen, blieben im Eimer zurück ...