Mailand, im Oktober

Wieder einmal stehen die Wetterfahnen des Films hierzulande auf Sturm, ganz besonders in der lombardischen Metropole. Am gleichen Tag liefen zwei große Filme der Titanus Filmgesellschaft an: Luchino Viscontis "Rocco e i suoi fratelli" ("Rocco und seine Brüder) und Alberto Lattuadas "I dolci inganni" ("Die süßen Täuschungen").

Lattuadas Film hatte in Rom die erste offizielle Filmzensur nicht bestanden, ist nach einigen unwesentlichen Schnitten aber glatt durch die zweite, wichtigere Instanz gegangen. Er erzählt die Geschichte einer Siebzehnjährigen, die nachts davon träumt, in den Armen eines von ihr seit langem heimlich angebeteten Architekten zu liegen. Am nächsten Tag provoziert sie, die in nichts der "Lolita" verwandt ist, die Realisierung des Traumes, um "endlich einmal zu wissen, wie das ist, Frau zu sein". Später verabschiedet sie sich von "ihm" mit den Worten: "Jetzt muß ich nachdenken." In ihrem Mädchenschlafzimmer sitzt sie dann, Frau geworden, aber nicht verwandelt. Ihrem Gesicht ist abzulesen, daß sie zwar nicht enttäuscht ist, aber doch vom Geheimnis der Liebe, vom Wesen der Erotik und von den vielfältigen positiven Möglichkeiten der Beziehung zwischen den Geschlechtern nichts begriffen hat. Sie ist leer wie vorher.

Der ausgezeichnet photographierte Film ist sehr viel nüchterner als Lattuadas "Gwendalina". Dieser auch in Deutschland – in leicht verwässerter Form – vorgeführte Film erzählt die Geschichte eines verwöhnten jungen Mädchens, das seine erste tiefe Liebe opfert, um die gefährdete Ehe seiner Eltern zu retten.

Der Film entstand aus dem Gedanken an die mangelnde Sexualaufklärung der italienischen Mädchen und an die daraus resultierenden Entgleisungen. Er will sagen, daß übereiltes Nachgeben im Moment der – verständlichen – Neugier einem Selbstbetrug gleichkommt. Er ist keineswegs moralinsauer; seine bisweilen gewagten Bildausschnitte geben denen, die gegen die öffentliche Behandlung des Themas sind, das Material zu opponieren an die Hand. Das Publikum reagiert säuerlich. Lattuada wollte die Oberflächlichkeit anprangern und bleibt selbst über weite Strecken in der Oberflächlichkeit stecken (wie sensibel hätte Ophüls dieses Thema behandelt!). Weder Katharina Spaaks schauspielerische Leistung noch die Milieuschilderungen reichen aus. Der Rumor, der um diesen Film entstand, ist wohl lediglich darauf zurückzuführen, daß beim Urteil der ersten Zensurstelle von verschiedenen Seiten die Befürchtung geäußert wurde, so solle in Italien wieder mit "mittelalterlichem Maß der Schicklichkeit" gemessen werden. Das will man nicht.

Dagegen hat Viscontis Film, der in Venedig der schärfste Konkurrent des dann mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Cayattd-Filmes "Jenseits des Rheins" war, die staatlichen Zensuren glatt passiert, stieß aber jetzt, nachdem er in vielen italienischen Städten unbehelligt läuft, in Mailand auf erbitterte Abwehr: Drei Anklagen liefen nach der Galapremiere bei der Obersten Justizbehörde ein und veranlaßten den Chefprokurator dieser Behörde, vier gewichtige Schnitte zu fordern. Natürlich weigert sich Visconti, Filmregisseur, Autor, Darsteller, Choreograph von Rang (wir erinnern nur an "Bellissima" mit der Magnani). Diskussionen zwischen Staatsanwälten, Künstlern, Journalisten und Publikum würzen die Situation, ohne daß bisher eine Entscheidung gefällt wäre. Der Film läuft vorläufig unverkürzt mit täglich vier über-ausverkauften Häusern weiter. Die geforderten Schnitte sollen dann für ganz Italien gelten, nicht aber für das Ausland.

Der Vergleich mit dem Münchener Beispiel der nachträglichen Zensur an Bergmans "Jungfrauenquelle" trifft nicht zu, wohl aber der mit dem Aufruhi um Fellinis "Süßes Leben". Beide Male fühlt sich eine Stadt betroffen, weil die Handlung des Films sich in ihren Mauern vollzieht und man fürchtet, das könne der Stadt und ihrem Ruf Schaden bringen.