Die Komposita mit dem Begriff "Volk" stehen unter einem üblen Stern. Manche sind derart belastet, daß man sich schier entschuldigen möchte, wenn man eines davon unbeabsichtigt gebraucht. Da war der "Volksgerichtshof", der das gesunde Volksempfinden aburteilte, weil es nicht mit dem derjenigen übereinstimmte, welche die Macht an sich gerissen hatten. Der "Volksdeutsche": eine Tarnkappe der Aggression; "Volkstum": verordnet, rezensiert oder unterdrückt; der Volksgenosse": so wie die Partei es befahl.

Jedoch nicht nur der Einbruch des Terrors hat dem Begriff "Volk" Gewalt angetan. Die Nachkriegszeit bescherte uns ein besonderes Wortungetüm, das sich selbst von dem sehr berechtigten Vorwurf der Tautologie nicht umbringen ließ. Die "Volksdemokratie" oder "Volks-Volksherrschaft" hat sich sogar den Eintritt in Lehrbücher erkämpft.

Mit dem "Volkswagen" ist es auch so eine Sache. Es ist zwar der meistgekaufte Wagen, doch der Anspruch, Volks-Wagen zu sein, ist zumindest dadurch mit einer Hypothek belastet, als sich keine Stelle bereit findet, jene Altsparer abzufinden, die im guten Glauben an den Erfolg dieses Programms Gelder einzahlten und möglicherweise sogar die Idee überhaupt am Leben erhielten.

Als neue Prägung in der Kette von mehr oder minder verunglückten Wortzusammensetzungen dieser Richtung präsentiert sich die "Volksaktie". Gewiß ist diese jüngste Tochter der matronenhaft dick gewordenen Aktie reizvoll – und für wenig Geld zu haben. Doch ist sie deswegen volkstümlich, weil man sie im Gegensatz zu Daimler-Aktien bereits für rund 350 Mark (pro hundert Mark Nennwert) kaufen kann? Die Realverzinsung erreicht schon bei einem Einsatz von 350 Mark pro hundert Mark nicht einmal die Hälfte des augenblicklich von den Sparkassen gewährten Zinssatzes.

Zwar ist es irreal, zu verlangen, daß ein Werk, dessen good-will über jeden Zweifel erhaben ist, einer Begriffspedanterie zuliebe zum Pariwert getaxt werden sollte. Doch es ist vorstellbar; daß das Programm, das unter anderem auch die Volksaktie brachte, zu einem kurstechnisch geeigneteren Zeitpunkt hätte abgewickelt werden können. Aber Wahlschläger fahren hierzulande bekanntlich mit Martinshorn und beanspruchen gewissermaßen Privilegien innerhalb des Zweckmäßigkeitsverkehrs. Da jedoch nichts umsonst ist, muß man sich damit abfinden, daß auch die neue Zusammensetzung mit dem Begriff "Volk" unter einem Unstern geboren wurde. Das wird sich gewiß noch ausgiebig in der Parteienpolemik verzinsen, auf daß das Ansehen des neuen Begriffs ebenfalls ruiniert werde. L. H.