Pasternak und Nabokov, die seit Monaten aufden Bestsellerlisten Amerikas obenan stehen, haben eine Lawine ausgelöst, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Seitdem kamen kurz hintereinander Belyj und Bunin und jetzt Schmeljow, Prischwin und Olescha auch in die deutschen Bachhandlungen –

Jurij Olescha: "Neid" – Ausgewählte Erzählungen – Aufzeichnungen; aus dem Russischen übertragen von Gisela Drohla; Insel-Veilag, Wiesbaden; 224 S., 12,80 DM.

Der 1899 geborene Olescha ist ein Schüler des Symbolisten Belyj. Aber Belyjs Roman des zaristischen Petersburg steht kontrapunktisch zu Oleschas visionärer Schau des proletarischen Moskau: An der Newa 1905 das Aufflackern der großen Revolution – 1927 an der Moskwa ihr Ende, verbunden mit dem Aufbruch eines Zeitalters der Technik und Industrie.

Es gibt seit dem Erscheinen von Oleschas "Naid" im Jahre 1927 ein ständiges Für und Wider unter den sowjetischen Kritikern. Das Buch wurde gepriesen, es wurde verdammt – und mißverstanden, da man seine Ironie nicht erkannte.

Das Werk hat zwei Teile. Im ersten berichtet Nikolaj Kawalerow, der, ein Vagabund, aber nicht etwa ein Dummkopf, auf dem Diwan des Tiustdirektors und Erfinders einer Dauerwurst Andrej Babitschew "logiert", im zweiten Teil spricht der Autor selber. Babitschew ist ein mit seiner Leibesfülle und seinen Errungenschaften herumprotzender Wirtschaftsführer der NEP-Periode, der den Küchen den Krieg erklärt hat und "sämtliche Fleischwölfe, Spirituskocher, Bratpfannen und Wasserhähne vereinigen will".

Babitschews Adlatus ist der Komsomolze und Fußballfavorit Wolodja. "Ich bin ein Maschinenmensch", sagt er, "...Ich möchte eine Maschine sein... Ich will, daß die Arbeit mich stolz macht, stolz, weil ich arbeite. Allem gegenüber, das keine Arbeit ist, will ich gleichgültig werden." Babitschew und Wolodja, die ungleichen, sind für Kawalerow die Zukunft.

Wie sehr es Kawalerow auch danach düistet, so berühmt wie Babitschew zu sein, er möchte es nicht durch die Erfindung einer Dauerwurst... Kawalerow ist neidisch auf die vitalen Erfolgsmenschen der sozialistischen Epoche. Er möchte nicht am Rande stehen und nur zuschauen, er möchte selbst mit Hand anlegen, aber man nöge ihm doch bitte in dieser neuen Welt seinen alten Menschen lassen: Er glaubt eben, daß der Kommunismus nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein moralisches System sei.