Die Gestalt Arnold Schönbergs ist auch heute immer noch Gegenstand sehr unterschiedlicher Beurteilungen. Über das spezifische Gewicht seines Schaffens bestehen sehr gegensätzliche Meinungen: Für die einen (die heute Zeitgemäßen) bedeuten Schönbergs Werke nichts Geringeres als das Buch der Bücher, die Bibel aller musikalischen Zukunft; für die andern sind sie ein anregender Durchgang, eine notwendig gewesene, aber in ihrer Gültigkeit zeitlich begrenzte musikgeschichtliche Episode. Wieder andere glauben sie als Zeugnisse eines bloßen Irrweges abtun zu können.

Jede dieser Meinungen hat natürlich ihre Argumente bereit. Aber weil schon das Wesen der Musik selbst nicht beweiskräftig definiert werden kann, ist es aussichtslos, über Phänomene der Musik zu streiten. Eher läßt sich schon etwas anfangen mit Dokumenten des Denkens eines Komponisten über Musik, insbesondere über seine eigene. Aus ihnen sind immerhin Schlüsse zu ziehen, auf welchen subjektiven geistigen Voraussetzungen die umstrittenen schöpferischen Ergebnisse beruhen.

Das Verdienst, für die Klärung des "Falles Schönberg" eine derartige breite und feste Auseinandersetzungsbasis erstellt zu haben, erwarb sich einer der treuesten Schüler, überzeugten Anhänger und eifrigsten Apostel des Meisters im Auftrage der Berliner Akademie der Künste –

Josef Rufer: "Das Werk Arnold Schönbergs"; Bärenreiter Verlag, Kassel, Basel, London, New York; mit 10 Bildern und 25 Handschriften-Faksimiles, 207 S., Leinen 32,– DM.

Es handelt sich weder um eine Biographie noch eine Monographie im gewohnten Sinne der literarischen Kategorien, sondern um eine grundlegende Bibliographie nebst Anthologie (aus Schriften und Briefen), woraus sich ganz von selbst sowohl ein biographisches Bild als auch eine monographische Werkdarstellung ergibt. Mit immensem Fleiß hat Rufer eine minutiöse bibliographische Aufzählung, Kennzeichnung und Ortung sämtlicher veröffentlichter und im Nachlaß vorgefundener Werke, Entwürfe, Fragmente, Skizzenbücher, Lehr- und theoretischen Schriften ausgearbeitet; er hat ergänzende Briefzitate herangezogen, Marginalien oder sonstwie erreichbare verbürgte Äußerungen.

Das Schönberg-Bild, das sich dabei ergibt, ist das eines außerordentlich gescheiten Kopfes, eines fanatisch ringenden Künstlers, grüblerisch veranlagten Musikdenkers und obendrein integren, noblen Menschen (was alles man freilich schon wußte, aber hier sozusagen pauschal nachprüfen kann), um dessen wahre Würdigung sich zu mühen jedenfalls eine Gewissenspflicht für jeden heutigen Musiker bleibt. Walter Abendroth