Die Ordner in seinem Zimmer im obersten Geschoß des großen Geschäftshauses in Kölns Richmondstraße tragen Aufschriften wie Addis Abeba", "Er Riad" und "Teheran". Der 46jährige Walter May, Inhaber eines 1882 vom Großvater in Württemberg gegründeten Einrichtungshauses, gilt in aller Welt als persönlicher Heimgestalter und Palastausstatter orientalischer Potentaten. Ob König Feisal, ob Halle Selassie, ob Präsident Shamoun im Libanon, sie alle und viele andere bekannte und unbekannte Nahost-Herrscher und Ölfürsten verließen sich auf diesen deutschen Möbelfachmann.

Aber sollen eigentlich nur die Fürstlichkeiten dieser; Länder anläßlich gelegentlicher Deutschlandbesuche in Köln kaufen? Entspricht es einer arbeitsteiligen Weltwirtschaft, diese Gebiete ohne eigene Konsumgüterproduktion zu lassen? Der Markt für Möbel ist auch im Orient breiter als man denkt; Kein moderner Perser dekoriert heute sein Haus wie ehedem nur mit Teppichen.

Lange vor den ersten offiziellen Aufrufen zur Mithilfe an der Industrialisierung dieser Länder hatte Walter May für seine Firma die Konsequenz gezogen, die ihn mit vielen führenden Familien dieser Staaten verbinden. Die Tatsache, daß Persien beispielsweise für 8 Mill. DM jährlich Möbel allein in England kauft, legte den Schluß nahe, daß hier ein ungenutztes Betätigungsfeld liege. Was sollte also dagegen sprechen, den 200prozentigen persischen Zoll auf Möbeleinfuhren durch eine Fabrik "hinter der Mauer" zu umgehen und gleichzeitig – zu nutzen. Schließlich haben die Perser in aller Welt nicht nur durch ihre Teppichknüpferei, sondern auch durch Silberarbeiten und Miniaturmalereien den Ruf großer Handfertigkeit erworben. Der Zollschutz in doppelter Höhe des Einfuhrwertes würde im übrigen einen ungefährdeten Start ermöglichen, selbst wenn eine neue Möbelfabrik trotz modernster deutscher Maschinen und gründlicher Anleitung der heimischen Kräfte durch deutsche Techniker erst im Verlauf von Jahren den europäischen Leistungsstand erreichen würde.

Dem Gedanken folgte die Tat. Ein Bruder des persischen Ministerpräsidenten Eghbal beteiligte sich, um die "Co-Produktion" in Gang zu bringen. Seit einigen Monaten läuft nun in Teheran-Pars, einem Vorort der Hauptstadt, eine Fabrik, in der rund 120 einheimische Kräfte beschäftigt sind, die von fünf Fachleuten aus der schwäbischen Heimat des Walter May, dem Städtchen Thann bei Bietigheim, angeleitet werden. Aus Abadan, dem Ölzentrum, kam der erste Großauftrag für die neue Fabrik, nämlich 500 Wohnungen komplett mit je einem Wohn-, einem Schlafzimmer und einer Küche zu möblieren. Daneben vergibt das deutschiranische Warenhaus Forushga mit seiner Möbelabteilung zahlreiche Aufträge an das neue Werk. So ist so bald kein Stillstand für die moderne Dreizylinder-Schleifmaschinen, die Furnierpressen, die automatischen Vielbandsägen, Fräs- und Schleifmaschinen, die alle aus der Bundesrepublik importiert wurden, zu erwarten.

Freilich erfordert die Herstellung eines Möbelstückes in Persien heute noch vier- bis sechsmal mehr Arbeitsstunden als in Deutschland. Aber die persischen Löhne sind längst nicht so hoch wie die deutschen, und außerdem sind die Perser lerneifrig und machen Fortschritte. Sie wissen längst auch andere Vorteile der deutsch-persischen Co-Produktion zu schätzen, die sich mit einer besonderen Schulungsmethode um ihre fachliche Fortbildung bemüht und sich mit Werksküche nach schwäbischem Muster (ohne Spätzle, dafür mit Kabab) und Omnibusfahrt von und zur Fabrik usw. um ihr Wohl kümmert.

Das Prinzip der Co-Operation im Fabrikationsbetrieb umreißt Walter May kurz: "Selbstverständlich wollen wir in Teheran verdienen. Aber wir haben die Absicht, gute Freunde zu bleiben, auch über die Dauer unserer Verträge hinaus. Deshalb denken wir nicht daran, in irgendeiner Form unsere Stellung als Fachleute und Initiatoren des Projektes zu mißbrauchen. Rendite ist wichtig, aber höher als der Ertrag steht das Ziel, dem Iran eine neue Industrie zu geben, mit der er seinen Wohlstand verbreitern kann. Hinzu kommt, daß sich gerade für eine Möbelfabrik, die Einrichtungshäuser in der Bundesrepublik betreibt, die günstige Möglichkeit ergibt, persische Teppiche an Ort und Stelle zu erwerben und dann in Deutschland gut wieder zu verkaufen." Edgar Bissinger