Rom, Anfang November

Die meisten Italiener haben den Beschluß der Vereinten Nationen über Südtirol mit Genugtuung zur Kenntnis genommen. Zwei Punkte werden in Rom hervorgehoben: die in New York beschlossene Beschränkung des Streites auf die Auslegung des italienisch-österreichischen Abkommens von 1946 und die an beide Parteien gerichtete Empfehlung, in erster Linie den Internationalen Gerichtshof in Haag anzurufen, falls die neuen Verhandlungen keinen Erfolg bringen.

In diesen Punkten sehen die meisten Kommentatoren eine Anerkennung des italienischen Standpunkts, nach dem Tirol kein politisches, sondern ein juristisches Problem ist. Rom glaubt, Österreich könne den Streit in den nächsten Jahren nicht wieder vor den Vereinten Nationen aufrollen. Es rechnet auch nicht mit einem Aufstand der Südtiroler, wenngleich man auf einzelne Gewalttaten radikaler Elemente gefaßt ist.

Ob Rom nach seinem moralischen Sieg die Verhandlungen mit Wien in versöhnlichem Geist weiterführen wird, bleibt indessen abzuwarten. Die Deutung, die Außenminister Kreisky dem UN-Beschluß gibt, hat neues Mißtrauen geweckt. Nach Kreiskys Auffassung sollen die Verhandlungen nämlich die Autonomie der Südtiroler zum Gegenstand haben. Gerade das verweigern jedoch die Italiener mit Berufung auf den Text des Pariser Vertrages. Man ist in Rom nach wie vor davon überzeugt, daß die von Wien geforderte volle legislative und administrative Selbständigkeit der deutsch-sprachigen Provinz Bozen der erste Schritt zu einer Revision der Brennergrenze wäre.

Wie groß die Empfindlichkeit der Italiener aller politischen Richtungen ist, wenn auch nur der Verdacht auftaucht, es könne an der Brennergrenze gerüttelt werden, zeigt die übertriebene Bedeutung, die italienische Blätter deutschen Stimmen zu diesem Thema geben. Vor kurzem erst hat die von den Fiatwerken subventionierte deutschfeindliche Turiner Stampa den Artikel eines Bonner Lokalblattes über Südtirol wieder zum Anlaß genommen, um von einer untergründigen großdeutschen Bewegung in der Bundesrepublik zu faseln – und dies, obwohl Außenminister Segni vor kurzem im Parlament die Bundesrepublik vor der Verdächtigung in Schutz genommen hatte, die Bonner Regierung fördere einen neuen. "Pangermanismus".

Das Mißtrauen gegen Deutschland spielt auch in die Themen des gegenwärtigen Wahlkampfes hinein. Am 6. November werden über 32 Millionen Italiener in fast allen Gemeinden und Städten neue Kommunal- und Provinzverwaltungen wählen. Vom Ausgang dieser Wahlen hängt der Bestand der christlich-demokratischen Regierung Fanfanis ab, die sich auf die demokratischen Parteien der Mitte stützt. Sollte die Mitte schlecht abschneiden, und Nennis sozialistischer Partei, die trotz mancher Polemik gegen die Kommunisten in wichtigen Dingen nach wie vor mit ihnen am gleichen Strang zieht, erhebliche Gewinne erzielen, so dürfte eine neue Krise unvermeidbar sein.

Im Wahlkampf freilich will keine Partei der anderen an Patriotismus nachstehen. In den Fernseh-Pressekonferenzen – einer erfolgreichen Neuerung im amerikanischen Stil, die allabendlich 9 bis 10 Millionen Italiener in ihren Bann zieht – klingt manchmal denn auch das Problem der deutschitalienischen Beziehungen an. Besonders die Kommunisten treten als Superpatrioten auf. Sie werfen der Regierung vor, daß sie den angeblich in Bonn wachsenden Revanchegeist aus übertriebener NATO-Treue nicht energisch genug in seine Schranken weist. Auf einem kommunistischen Wahlplakat ist eine marschierende Abteilung feldmarschmäßig ausgerüsteter Bundeswehrsoldaten abgebildet: Darunter steht die Schlagzeile: "Die Deutschen wollen Südtirol haben."

Azio de Franciscis