Ein Roman über das Alter und über den Tod

Von Barbara Bondy

Dieses ist ein Roman über die irdische Unbrauchbarkeit –

Muriel Spark: "Memento Mori"; Diogenes Verlag, Zürich; 321 S., 15,– DM.

Die Helden und Heldinnen stehen hoch in den Siebzigern, viele sind achtzig und darüber. Ihre letzte und wesentliche Aufgabe ist (nach einem schönen Wort von Joachim Bodamer) "der nächsten Generation das Sterben vorzuleben". Die Frage ist, ob das gelingt. Natürlich nicht, das heißt nur den wenigsten. Erstens weil diese Aufgabe wahrscheinlich schon immer zu den schwersten der menschlichen Kondition gehörte, zweitens weil der Roman heute spielt, da bekanntlich unserer primitiv-diesseitigen Leistungsgesellschaft der Tod ein Skandalon und das Alter ein Ärgernis ist. Verehrungswürdig ist, wie jeder weiß, nur noch die Jugend, das Alter – ohne Standort, innen wie außen – verschweigt und geniert sich.

Wer nun annimmt, Äußerungen der gewaltigen Klage, des barocken Pathos erwarteten ihn, täuscht sich. Das ist ein durchaus satirischer Roman, oft von überwältigender Komik. Jedoch diese Komik ist durchsichtig und kühl wie Glas: dahinter liegt die Landschaft der Groteske, des Grauens, des Leidens, der Barmherzigkeit, die Landschaft des Endes.

Seinem Thema entsprechend, ist das Buch lose komponiert. Es gibt kaum einen eigentlichen Handlungsablauf, außer dem natürlichen: zum Lebensende hin. Darin stehen die Einzelporträts, meisterhafte Skizzen einer Handvoll alter Menschen, die durch Verwandtschaft oder Freundschaft verbunden sind, verbunden zudem noch durch Gewichtigeres: durch unerklärliche Telefonanrufe, die jeder von ihnen erhält. Ein Unbekannter belästigt sie, der immer den gleichen, immer nur einen Satz sagt: "Denken Sie daran, daß Sie sterben müssen." Verblendet wie sie sind, denken die Alten an Gangster, Erbschleicher, Erpresserbanden, alarmieren die Polizei, planen eine Anfrage im Parlament. Nur der eine oder andere unter ihnen versteht die Botschaft, erkennt den Sprecher am anderen Ende.