Diese Alten – das sind zunächst zwei große Gruppen: die Armen und die Reichen (daß es den einen wie den anderen am Ende gleich schwer gemacht wird, versteht sich von selbst). Die meisten von ihnen sind mürrisch und eigensüchtig, gierig auf Zeichen des Versagens bei anderen lauernd, bis zum Ende verstrickt in Intrige und Eitelkeit, in ihre großen und kleinen Schwächen: denn was früher, nicht erkannt und gelöst wurde, verschärft sich im Alter.

Wenn die Groteske bis an ihre äußerste Grenze getrieben wird und die vielzitierte Würde des Alters wie nichts vergeht, entsteht die Frage nach dem Bild des Menschen hinter der erbärmlichen Maske. Man schaudert. Es macht den Rang dieses Buches aus, daß in der Tiefe der Groteske die Ehrfurcht ersteht. Und somit ist auch der Zufluchtsort umrissen: "In der folgenden Nacht starb Oma Trotsky, weil ein kleines Blutgefäß in ihrem Gehirn geplatzt war. Ihre Seele kehrte zu Gott zurück, der sie ihr gegeben hatte."

Die menschliche Noblesse der noch nicht vierzigjährigen Autorin hätte alleine nicht ausgereicht, um dieses Thema zu bewältigen. Es ist ein Glücksfall für die Literatur, daß großes schriftstellerisches Können dazu getreten ist. Muriel Spark schreibt Dialoge von geschliffener Präzision, in ihren Deskriptionen und Charakteristiken liegt eine geistige Straffheit und Transparenz, die im Zeitalter der Stilschlampereien selten genug ist. Die sprachliche Leistung der Autorin (und die ihres Übersetzers, Peter Naujack) läßt sich zum Beispiel an einer ganz einfachen, aus der Umgangssprache gewonnenen Metapher nachweisen: "Ihre Worte bedrückten ihn. Sie waren wie verschütteten Zucker: soviel man auch fegt, einige Körner knirschen immer noch unter den Füßen."

Dieses todernste Buch verbietet sich jede sprachliche Poesie, jedes Pathos. Die Distanz vom Thema hat die Autorin unnachsichtig gegen sich selbst wie gegen ihre Figuren eingehalten. Mit Sentiments geschrieben, wäre der Roman vermutlich gescheitert.

Nichts könnte das Gesagte besser illustrieren als der Schluß des Romans, wo – wie bei jedem Schluß – der Tod als einzige Wirklichkeit übrigbleibt. Alec Warner, der alte Forscher, sinnt über seine Freunde nach, über die toten und die sterbenden: "Welche Krankheiten hatten sie, woran sind sie gestorben. Lettie Colston – erinnerte er sich – mehrfache Schädelfraktur; Godfrey Colston, hypostatische Pneumonie; Charmian Colston, Uraemie; Jean Taylor, Endokarditis; Tempest Sidebottome, Cervikarzinom; Ronald Sidebottome, Bronchialkarzinom; Guy Leet, Arteriosklerose; Henry Mortimer, Koronarthrombose.

Miß Valvona entschlief. Viele der Omas folgten ihr. Jean Taylor hielt sich noch einige Zeit und pries unter Schmerzen den Herrn. Manchmal grübelte sie vertrauensvoll über den Tod nach, das erste der vier letzten Dinge, an die man sich je erinnert."

Ein Buch, das unzeitgemäß ist, ein Buch, das bleiben wird. Zuweilen scheint es, als hätten wir sie nötiger als andere: Bücher über die irdische Unbrauchbarkeit.