Von Günter Blöcker

Die Kabarettisierung der deutschen Literatur schreitet rüstig voran. Brettlbegabungen vom Schlage der Grass und Enzensberger haben den Marsch auf die Kernbastionen angetreten. Ein mittlerer Conférencier tut es nicht mehr unter einem Zeitroman. Wobei es in vielen Fällen allerdings mehr noch als der Geltungsdrang des Autors die propagandistische Lungenkraft des Verlegers ist, die das gefällige Kleinformat zu einem literarischen Riesenfrosch von längstens einer Saison Lebensdauer aufbläst.

Mit welcher Herzlichkeit könnte man ein Talent wie Martin Walser begrüßen, hätten seine literarischen Manager den Mut der Bescheidenheit, ihn als das zu präsentieren, was er ist: als eine Plauderbegabung von ungewöhnlicher Eloquenz, einen Meister der kleinen Beobachtung, einen Virtuosen des quicken Wortes und des amüsanten Seitenhiebs. Statt dessen wird die Glosse zum Mammutroman hochgepäppelt und der erwartungsvollen Leserschaft mit einer Ernsthaftigkeit dargereicht, als handle es sich um eine literarische Wasserstoffbombe. Mit der Ironisierung der kleinen Menschlichkeiten ist, scheint es, kein Geschäft mehr zu machen. Wo früher ein Bändchen mit dem Titel "Von Leuten, die ich lieb gewann" auf den Markt gebracht wurde, da müssen die modisch gewandelten Nachfahren Rudolf Presbers heute die Halbzeit des Jahrhunderts ausrufen. Das intelligente Plappermäulchen wird zum Sehermund stilisiert, der unentwegt Zeitkritik kündet.

Der zweite Roman von

Martin Walser: "Halbzeit"; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 893 S., 25,– DM

ist ein Meisterstück jener behenden Oberflächlichkeit, die alles weiß, alles kennt, alles formulieren kann und eben dadurch das Gefühl fürchterlicher Leere in uns weckt. Das Buch beruht auf einem sprachmimischen Einfall, der genau für einen Sketch ausreichen würde: Ein Handlungsreisender stellt sich selbst in der Suada seines Berufs dar. Der professionelle Überredungskünstler macht die eigene Person zum Objekt seiner Verkaufsroutine. Seine Ehe, seine Geschäftserfahrungen, seine Freundschaften, seine körperlichen Regungen, seine Sehnsüchte und Leidenschaften verwandeln sich in einen Sprühregen der Worte, der mit milder Unbarmherzigkeit auf den Leser niedergeht. Vom Speziellen, Persönlichen greift das auf das Ganze, Allgemeine über, bis die Welt in den Wogen einer sich selbst verschlingenden Formulierungswut unterzugehen droht.

Ein bravouröser Blackout, wie gesagt. Doch ein unbegrenzt strapazierfähiges Detailgedächtnis, ein schier unerschöpflicher Vorrat von Wahrnehmungen und Beobachtungen aus allen Lebenssphären verführen den Autor dazu, den Spaß mit trister Zähigkeit auf nahezu 900 Seiten auszudehnen. 900 Seiten ohne Anfang und ohne Ende. 900 Seiten, die man ebensogut von hinten nach vorn wie von vorn nach hinten lesen, die man ohne Verlust an erzählerischer Substanz auch auf 90 reduzieren oder – ohne entsprechenden Gewinn – auf 9000 ausdehnen könnte. Ein Triumph des Quasselromans. Ein Rekord der zum Stilprinzip erhobenen intellektuellen Kodderschnauze. Ein Marathon der "Sabberstriemen" (um im Vokabular des Dichters zu bleiben). Als der Alltagsjargon erschöpft ist, kommt der der Literatur an die Reihe. Im Schlußteil seines Romans läßt uns der Verfasser rasch noch einen Schnellkursus in den fortschrittlicheren Erzählformen absolvieren. Die Vertreter-Attitüde wird bis zum letzten Atemzug gewahrt.