Die Türkei ist abermals ein unruhiges Land geworden. Das herrschende Offizierskomitee – selber in konkurrierende Flügel aufgespalten – sieht sich einer wachsenden Opposition gegenüber. Die Entlassung von 147 Professoren und Dozenten hat bei den türkischen Studenten erbitterte Entrüstung hervorgerufen. Vor diesem Hintergrund läuft gegenwärtig der Mammut-Prozeß gegen die Führer des alten Regimes ab.

D. 2., Istanbul‚ im Oktober

Der Prozeß gegen den früheren türkischen Ministerpräsidenten Adnan Menderes und seine Minister, der gegenwärtig auf der kleinen Insel Yassiada im Marmarameer stattfindet, sollte, so jedenfalls wollte es das Offizierskomitee, zeigen, wie korrupt und wie schlecht das gestürzte Regime war. Doch diese Absicht hat ihr Ziel verfehlt: Im ganzen Land schlägt den Angeklagten eine Welle der Sympathie entgegen. Das Komitee der Nationalen Einheit, dieses Direktorium aus 37 Offizieren der Streitkräfte, hatte fest damit gerechnet, daß der Prozeß das alte Regime nun endlich diskreditieren werde. Statt dessen aber erheben sich jetzt überall Stimmen für Menderes and seine Kollegen – dies zum erstenmal seit dem Regierungssturz vor fünf Monaten.

Seit dem 27. Mai haben Presse und Radio in der Türkei in einer großen Kampagne alles darangesetzt, das Regime Menderes und seine Führer anzuschwärzen. Auf der anderen Seite aber war in der Zeit seit dem Staatsstreich das düstere Schweigen der Bauern in den Dörfern Anatoliens buchstäblich nicht zu überhören.

Ganz ohne Frage wurden die türkischen Bauern durch die Ereignisse des 27. Mai zunächst verwirrt. In den meisten Teilen des Landes hatten sie wirklich allen Grund, nur das Beste von der Regierung Menderes zu halten, die ihnen eine großzügige Agrarhilfe gewährt, einen respektablen Preis für ihre Getreide gezahlt und vor allem jegliche Steuern erlassen hatte. Darüber hinaus hatte sich die Landbevölkerung daran gewöhnt, in Menderes so etwas wie einen Protektor des mohammedanischen Glaubens zu sehen, ja, ihn manchmal geradezu als einen religiösen Führer zu verehren – ein Umstand, den Menderes geschickt auszunutzen wußte.

So fand es der türkische Bauer äußerst schwierig einzusehen, warum es nötig war, jene Regierung abzusetzen, für die er doch in drei Wahlen hintereinander seine Stimme abgegeben hatte. Da er aber vor der Armee großen Respekt hat, sah er schweigend mit an, wie die Führer, die er einst unterstützt hatte, erniedrigt, eingekerkert und schließlich vor den Kadi geschleppt wurden und wie die Demokratische Partei, für die er gestimmt hatte, aufgelöst wurde.

Das Komitee der Nationalen Einheit wußte wohl, daß es das Volk noch nicht hinter sich hat. Darum hofften die Offiziere, durch diesen Prozeß, sofern man alles nur geschickt arrangiere, die Öffentlichkeit zu beeindrucken. Schließlich wußten sie, daß so abstrakte Anklagen wie „Verletzung der Verfassung“ für den einfachen Bauernverstand recht unverständlich sein mußten. Daher begann denn auch der Prozeß mit zwei handfesteren Beschuldigungen.