Von Erwin Topf

Die Zuwachsrate der industriellen Produktion ist in den letzten Monaten, verglichen mit dem jeweils gleichen Monat des Vorjahres, geringer geworden. Das wird vielfach als Indiz für ein Nachlassen des "Booms" gewertet. Leider ist dieses Urteil abwegig. In Wirklichkeit zeigt die geringe Zunahme der Ausbringung vorerst nur, daß selbst bei mittlerweile erhöhten Kapazitäten nicht sehr viel mehr erzeugt werden kann, als vor Jahresfrist – bei Vollbeschäftigung schon damals – produziert wurde. Die rückläufige Zuwachsquote ist also gerade ein Charakteristikum für äußerste Anspannung.

Das zeigt auch die Entwicklung der Auftragsbestände, verglichen mit der jeweiligen Ausbringung, zumal in den großen Investitions-Industrien und in deren Zulieferer-Branchen. Dabei kann die Frage offen bleiben, ob in nächster Zeit mit einer Ausbreitung des "Booms" auch auf gewisse Sparten der Verbrauchsgüter-Industrien zu rechnen sein wird. Für diese Annahme spricht zum mindesten zweierlei: die starke Kreditnachfrage und der immer fühlbarer werdende Rückgang der Sparquote. Angesichts dieser Fakten wäre, nach allen Regeln der Konjunkturpolitik, ein schärferer restriktiver Kurs jetzt durchaus geboten – und das selbst dann, wenn das Preisniveau noch stabil bliebe.

Wir wissen ja aus den Erfahrungen des Jahres 1957 und der Rezession von 1958 in den USA, daß höhere Preise vielfach erst nach dem konjunkturellen Höhepunkt durchgesetzt werden, und zwar jeweils mit der Begründung, daß die Anpassung der Preise an das Kostengefüge zwingend notwendig sei.

Ob man die heutige Preissituation alarmierend findet oder nicht, hängt weitgehend vom Standpunkt des Betrachters ab. Auf ein und derselben Seite einer großen Tageszeitung stand kürzlich erstens zu lesen, daß die Preisentwicklung "wenigstens im Augenblick noch keine drastischen Maßnahmen zwingend erfordere", und zweitens, daß die Preistendenz jetzt "vom Trab zum Galopp" überzugehen drohe. Das erste war die Auffassung des Bundeswirtschaftsministeriums, das die allgemeine Preisentwicklung im Auge hat; die zweite Ansicht ist die eines Beobachters, der vor allem, die neuralgischen Bereiche sieht. Dazu gehören zur Zeit insbesondere Werkzeuge, Autozubehör, Installationsmaterial, Elektrogeräte, Möbel, Holzwaren, Gebrauchsglas, Porzellan, Eisen-, Blech- und Metallwaren, Gießerei-Erzeugnisse, Maschinen, und schließlich auch Papier – mit Preiserhöhungen, die bis zu 25 vH gehen, vielfach zwischen 5 und 10 vH liegen, und bestenfalls, für den Zeitraum von zwei oder drei Monaten zusammengenommen, 1,5 bis 3 vH ausmachen. Der Prozeß der Preisanpassung an das neue Kostengefüge ist also bereits ganz kräftig im Gange, obwohl er sich in der Indexzahl für die Lebenshaltungskosten noch nicht abzeichnet.

Was demgegenüber an konjunkturpolitischen Maßnahmen in Bonn vorgesehen ist, wirkt wenig überzeugend. Es handelt sich im wesentlichen um die "Abschöpfung" von Überliquidität: beim Bund und bei den Ländern mit je 500 Mill. DM Steuereinnahmen, die zum Kapitalexport – unter der Rubrik "Entwicklungshilfe" – verwandt werden sollen. Dazu kommt eventuell die von den Großunternehmen der Wirtschaft aufzubringende "freiwillige Zwangsanleihe" im Betrag von einer Milliarde DM oder mehr, die so schnell wie möglich eingezahlt werden soll, und die für den gleichen Zweck gedacht ist. Außerdem will man bei einem etwas größeren Kreis von Unternehmungen weitere liquide Mittel durch erhöhte Vorauszahlungen auf die Einkommen- und Körperschaftsteuer abschöpfen (und stillegen, soweit sie nicht für die von Bund und Ländern aufzubringende Entwicklungshilfe gebraucht werden). Dazu kommt noch die Ermächtigung an die Bundesregierung, den Umsatzsteuerausgleich (Rückvergütung beim Export, Ausgleichssteuerzuschläge beim Import) herabzusetzen oder für einige Warengruppen ganz aufzuheben.

Diese Maßnahme läuft unter dem Stichwort "Verstärkung des Güterangebots im Inland." Ob diese Wirkung durch die vielleicht mögliche leichte Verteuerung der Exporte für eine Anzahl neugewählter Branchen erreicht werden kann, ist zu bezweifeln. Ebenso fraglich bleibt, ob eine merkliche Zunahme des Imports auf diesem Wege zu ermöglichen ist – abgesehen allenfalls von gewissen Spezialitäten. Rohstoffe und Halbfabrikate, die von fundamentaler Bedeutung für die Gesamtwirtschaft sind, werden ohnedies von der Aktion nicht betroffen.