Lockerung des Wechselkurs-Systems und schrittweiser Übergang zu flexibleren Kursen

Von Waller Hoffmann

In unserer Diskussionsserie über die Frage der DM-Aufwertung sind bisher die Befürworter und Gegner einer solchen Maßnahme, aber noch nicht die Vertreter des "dritten Weges" zu Worte gekommen. In den folgenden Ausführungen geht der bekannte Finanzexperte Dr. Walter Hoffmann, Verfasser der "Hamburger Denkschrift zur Währungsreform" von 1945, von der These aus, daß nicht nur der Kurs der D-Mark, sondern die Wechselkurse der wichtigeren westlichen Währungen fast allgemein "verzerrt" sind und einer Korrektur bedürfen. Diese Korrektur erblickt der Verfasser jedoch nicht in einer einmaligen Änderung der Paritäten, sondern in einem schrittweisen Übergang zu einer größeren Bandbreite, innerhalb derer die Wechselkurse schwanken können, und damit zu flexibleren Kursen. Das würde eine Änderung der bisherigen internationalen Währungspolitik, die auf dem Abkommen von Bretton Woods von 1944 über den Internationalen Währungsfonds basiert, voraussetzen (Vgl. auch "Aufwertung nicht verboten" in Nr. 43 der "ZEIT").

In der bisherigen Diskussion um die DM-Aufwertung hat man auffallend wenig beachtet, daß nicht nur die Bundesrepublik anhaltend hohe Zahlungsbilanz-Überschüsse und eine entsprechend hohe Anreicherung der Währungsreserven aufzuweisen hat, sondern daß sich auch andere europäische Länder – wie Frankreich, Italien und Holland – in ganz ähnlicher Lage befinden. Ihnen stehen als Spiegelbild die USA mit Devisen-Defiziten und Abflüssen von Währungsreserven in die europäische Gruppe, also nicht nur in die Bundesrepublik, gegenüber. Das allein macht offensichtlich, daß dieses, einen ganzen Kreis von Ländern angehende Problem "unrealistischer" Wechselkurse durch die Aufwertung der Währung nur eines der europäischen Länder – in diesem Fall der DM – nicht zu lösen ist.

Hier soll deswegen die Aufmerksamkeit auf die viel umfassendere Problematik gelenkt werden, wie eine Entzerrung unrealistisch gewordener Kursrelationen bewerkstelligt und wie dadurch im wirtschaftlichen Bereich jene Ungleichgewichte beseitigt werden können, die auf diese Disparitäten im Währungsbereich zurückgehen.

Die gegenwärtige Ordnung

Die gegenwärtige internationale Währungsordnung, der praktisch alle Länder der westlichen Welt zugehören, geht zurück auf das Abkommen von Bretton Woods von 1944, das seine institutionelle Verwirklichung im Internationalen Währungsfonds gefunden hat, zu dessen Mitgliedern auch die Bundesrepublik gehört. Durch dieses Abkommen ist die Gestaltung der Wechselkurse aus einer einzelstaatlich-autonomen zu einer internationalen Angelegenheit gemacht worden. Die Mitglieder des Fonds sind diesem gegenüber und damit untereinander verpflichtet, ihre Wechselkurse gegenüber der Ausgangsparität, wie sie im Zeitpunkt des Beitritts zum Fonds festgelegt wurde, nicht zu verändern, "solange andere befriedigende Mittel zur Wiederherstellung des Zahlungsbilanzgleichgewichtes zur Verfügung stehen." Wenn aber Kursveränderungen beantragt werden, so bedürfen sie der Zustimmung der Währungskörperschaft, falls sie um mehr als 10 vH von den Ausgangsparitäten wegführen. Wenn man hinzunimmt, daß die Mitgliedsstaaten alles zu tun verpflichtet sind, um die jeweils festgesetzten Paritäten aufrechtzuerhalten, Gold nicht über den vom Fonds festgesetzten Goldpreisen zu kaufen oder unter diesen Preisen zu verkaufen und Devisengeschäfte nicht anders zu tätigen, als zu den vorgeschriebenen Wechselkursen mit einer Marge von höchstens 1 vH nach jeder Seite, d. h. innerhalb der sogenannten "Bandbreite", macht das klar, daß unter dem System von Bretton Woods die Wechselkurse der Mitgliedsländer untereinander zwar nicht starr, aber doch nur in außerordentlich engen Grenzen beweglich sind.