Jetzt stehen in Paris die Rechtsradikalen vor ihresn Richtern

Von Sigfrid Dinser

Paris, Anfang November

Ein Kettenbart ist nach französischer Definition ein Haarwuchs, der von einem Ohr zum anderen reicht und um den Mund herum eine Schleife macht. Kettenbärte sind besonders beliebt bei Kunststudenten, Grönlandfahrern, Propheten sowie jungen Dichtern. Das schönste Exemplar besitzt der leidenschaftliche Rechtsanwalt Pierre-Rene Lagaillarde aus Blida in Algerien. Rot ist der Bart, nicht aber sein Besitzer.

Seitdem der Friseur des Pariser Sante-Gefängnisses den weltberühmten Bart in Behandlung hat, ist seine Form ganz vollkommen geworden. Die These, daß sein Träger ein Held bleibt, solange der Bart nicht ab ist, wurde dadurch weiter gefestigt.

Am Donnerstag, dem Namenstag des heiligen Hubertus, des Schutzpatrons der Jäger, eröffnet das Hohe Militärtribunal in Paris einen auf mindestens drei Monate angesetzten Prozeß, um – bildlich gesprochen – den Bart des Lagaillarde abzunehmen und den Putschisten und Hochverräter samt aller am "Komplott von Algier" Mitschuldigen ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Unter dem "Komplott von Algier" versteht man in diesem Falle jene außerordentlich dramatischen Ereignisse zwischen dem 24. und 31. Januar 1960, bei denen 14 französische Polizisten und acht französische Bürger ums Leben kamen. Damals griff de Gaulle ein, und sein Wort genügte, den Putsch, der zum blutigen Bürgerkrieg, wenn nicht gar zum Zusammenbruch des Regimes hätte führen können, zu ersticken.

Wahrscheinlich wird der Prozeß um den ehemaligen De-Gaulle-Anhänger Lagaillarde und seine Mitangeklagten, unter denen ein aktiver Oberst ist – der Colonel Gardes – als eine der zwiespältigsten Affären Frankreichs in die Geschichtsbücher eingehen. Zwar werden die Umstände des Januar-Aufstandes geklärt werden. Ob dies jedoch zu der immer dringlicher werdenden geistigen Klärung in Frankreich beitragen kann, das wird von vielen bezweifelt. Eher ist zu befürchten, daß Richter, Angeklagte und Zeugen, ohne es zu beabsichtigen, die Spaltung noch weiter vertiefen. Um es vorwegzunehmen: Wie kürzlich beim Prozeß um den französischen FLN-Freund und Links-Intellektuellen Jeanson wird es auch diesmal, wo es um die Rechtsradikalen geht, zwar Verurteilte geben, aber kein Urteil.