Von Ludwig Marcus

Am Sonntag, dem 30. Oktober, 11 Uhr Vormittag, fand in den Münchner "Kammerspielen" die seltsamste Theaterpremiere statt.

Man gab ein Stück – aber es hatte keinen Autor. Es war eine Tragödie – aber die Leute weinten nicht. Die Schauspieler waren gut – aber keine Schauspieler. Der Bösewicht des Stücks trat gar nicht auf ... obwohl er auf der Strecke blieb.

Das Thema lautete: "Dürrenmatts Komödie Frank V., seine Applause und seine Buhs." Auf traten: Dürrenmatt (nicht als Autor, wie er betonte), Intendant Schweikart, Kulturreferent Dr. Hohenemser und "Publikum." Der Bösewicht wurde sehr sichtbar: der böse Kritiker. Er hatte keinen Darsteller, er war nur so da wie Gallenstein in "Wallensteins Lager".

Zuerst trat der Hausherr ans Pult. Er gab einen wissenschaftlich exakten Bericht über die Zahl der Beifälle und Mißfälle, auch über ihr wann und wo, in München und in Frankfurt. Wahrscheinlich nannte er aus "Takt" die Kritiker nicht bei Namen und zitierte nicht Kernstellen aus ihren Kritiken. Das war sehr schade. Denn der Volkszorn richtete sich vor allem – nicht gegen das schlechte Stück, sondern gegen die schlechten Menschen, die es schlecht genannt hatten.

Dr. Hohenemser, ein energischer Versammlungsleiter, brauchte gar nicht energisch zu werden; denn im großen Ganzen, unbedeutende Einschränkungen abgerechnet, war man sich einig: Held Dürrenmatt ging als Sieger aus einer Diskussion hervor, die keine war. Das ist nicht seine Schuld gewesen und nicht die Schuld der Intendanz; der ganze Kindergarten war vollständig erschienen, die Erwachsenen aber glänzten durch Abwesenheit oder Schweigen, das nur selten Gold ist. Und kein Kritiker verteidigte, was er geschrieben hatte. Das war falscher Stolz.

Dürrenmatt hatte bereits im Programmheft bewiesen, was er nun noch einmal erhärtete: daß nicht-szenisches Denken leichter zu kontrollieren ist als das von einer Fabel verhüllte. Da hatte er niedergeschrieben: ein Stück sei "eine Arbeit über ein fingiertes Modell."