Obwohl man gemeinhin das Wort Volksaktionäre bei Duttweilers Erdölwerke Frisia AG vermeidet und die Kleinaktionäre als Vorzugsaktionäre bezeichnet, bemühte man sich doch, der ersten echten Hauptversammlung einen volksfestähnlichen Charakter zu geben. Flotte Marschweisen vertrieben den zu 11 Uhr Geladenen die Zeit, bis um 11.30 Uhr der schweizerische Nationalrat Gottlieb Duttweiler unter stürmischem Jubel der inzwischen auf schätzungsweise 700 Personen angewachsenen Versammlung in der mit Fähnchen drapierten Halle der Raffinerie erschien und seinen Platz inmitten des Aufsichtsrats einnahm, der praktisch auch das Stammkapital von 25 Mill. DM repräsentierte, von dem nach der Anwesenheitsliste 24,99 Mill. DM vertreten waren. Von nominell ebenfalls 25 Mill. DM Vorzugskapital mit doppeltem Stimmrecht, das nach Angaben der Verwaltung auf etwa 24 200 Aktionäre, davon 7500 in der Schweiz, verteilt ist, waren 13,56 Mill. DM vertreten.

Nennenswert Neues konnten die Aktionäre nicht hören, was auch kaum zu erwarten war, da einmal erst vor Monatsfrist anläßlich der Einweihung der Raffinerie die Historie des Unternehmens eingehend geschildert worden war, inzwischen der Geschäftsbericht erschienen ist und drittens die Frisia, die Duttweiler zu aller Freude, wie Vorstandsmitglied Dr. Tilemann betonte, auf einem schweren Weg nach Ostfriesland gebracht hat, überhaupt erst am Beginn ihrer Arbeit steht. Dennoch bemühten sich Dr. Tilemann und sein Schweizer Vorstandskollege Jean Arnet in längeren Ausführungen die Zeit zu füllen, und noch einmal die Geschichte des Werkes vom ersten Tag der Planung an abrollen zu lassen, dabei erneut betonend, daß es nicht zuletzt Absicht der Gründung gewesen sei, den Benzinpreis endlich zu senken. Das Geheimnis, wie es möglich sein wird, rentabel zu arbeiten und gleichzeitig billig zu verkaufen, wurde allerdings auch auf dieser HV nicht ganz gelüftet, da man es trotz Befragens ablehnte, Einzelheiten über die mit den amerikanischen Lieferanten geschlossenen Ölkaufverträge zu nennen. Immerhin dürfte der Konkurrenz gegenüber ein nennenswerter Vorteil darin bestehen, daß man bewußt auf eine weit verzweigte Versorgung des Gesamtmarktes verzichtet und nur an gewissen, transportgünstig gelegenen Schwerpunkten des Verbrauchs verkaufen will. Auch wann das Unternehmen rentabel arbeiten wird, wußte man noch nicht zu sagen. Für 1960 erwartet man zunächst eine weitere Erhöhung des Anlaufverlustes, der bis zum 31. Dezember 1959 0,84 Mill. DM betrug. Die Vorzugsaktionäre werden allerdings, wie ihnen zum Trost gesagt wurde, zu Weihnachten wieder ihren 6prozentigen Bauzins pünktlich erhalten. 1961 sollte man zufrieden sein, dieses Stichwort kam aus der HV, wenn die Anlaufverluste aus dem Betriebsgewinn beseitigt werden können.

Bis dahin herrschte eitel Einigkeit zwischen Verwaltung und Aktionären, die sich gegenseitig immer wieder ihres Wohlwollens versicherten. Erst als es darum ging, den Aufsichtsrat zu erweitern, der bisher im wesentlichen aus Vertretern der Großaktionäre, der Deutschen Girozentrale und der Niedersächsischen Landesbank besteht, zeigte es sich, daß zumindest einige Vorzugsaktionäre hinsichtlich ihrer Interessenvertretung andere Vorstellungen als die Verwaltung haben. Zwar wurde mit großer Mehrheit der Stuttgarter Rechtsanwalt Dr. Schulze, der vor allem als Vertreter der Verbraucher deklariert wurde, "er gehört dem ADAC an", gewählt. Die erregte Diskussion zeigte aber, daß nicht alle Kleinaktionäre mit dieser Wahl zufrieden waren und sich auf die Dauer auch nicht durch die Versicherung beruhigen lassen werden, daß in der Person Duttweilers, wie man meinte, der beste Vertreter des kleinen Mannes im Aufsichtsrat sitzt. Die schlechte Verständigungsmöglichkeit (die Lautsprecheranlagen funktionierten plötzlich nicht mehr) und der Drang vieler, sich endlich am kalten Büfett stärken zu wollen, störten diesen Teil der HV erheblich. Offenbar wurde aber auch, daß die Mehrzahl der Kleinaktionäre zu der HV erschienen war, ohne sich vorweg darüber im klaren zu sein, welche Funktionen sie ausüben könnten. Bis zur nächsten HV werden zweifellos Funktionäre von Aktionärsvereinigungen eine lohnenswerte Aufgabe darin sehen, die Masse zu formieren. eo.