Sehr geehrter Herr Dr. Schopenhauer!

Sie haben vor hundert Jahren Frankfurt ohne Angabe Ihrer neuen Anschrift verlassen. Deshalb übergebe ich meinen an Sie gerichteten Brief der Presse in der Hoffnung, daß meine Ausführungen Sie so am ehesten erreichen werden. Ich habe es so eingerichtet, daß jene hundert Jahre nicht auf den Tag, den 21. September nämlich, stimmen, da ich die Würde der aus solchem Anlaß gern zelebrierten Feierlichkeiten nicht durch mein offenes Wort beeinträchtigen wollte.

Nun zur Sache: Während meiner Pubertätszeit durchsuchte ich, einem dunklen Drange folgend, die Bibliothek meines Onkels und stieß beim Durchblättern eines von Ihnen verfaßten Buches auf das Kapitel "Über die Weiber". Mit stockendem Herzschlag las ich:

"...Das niedrig gewachsene, schmalschultrige, breithüftige und kurzbeinige Geschlecht das schöne nennen konnte nur der vom Geschlechtstrieb umnebelte männliche Intellekt: in diesem Triebe steckt nämlich seine ganze Schönheit. Mit mehr Fug als das schöne könnte man das weibliche Geschlecht das unästhetische nennen–"

Weiter stand dort: "... denn das Weib, von den Alten mit Recht sexus sequior genannt, ist keineswegs geeignet der Gegenstand unserer Ehrfurcht und Veneration zu sein, den Kopf höher zu tragen als der Mann, und mit ihm gleiche Rechte zu haben – worüber nicht nur ganz Asien lacht, sondern Griechenland und Rom ebenso gelacht hätte –"

Sie behaupteten ferner, daß der Grundfehler des weiblichen Charakters Ungerechtigkeit sei. Das Weib sei infolge seiner Schwäche instinktartig verschlagen, falsch, treulos, undankbar, habe einen unaustilgbaren Hang zum Lügen und besitze deshalb keine Eignung zu eidlicher Aussage und ähnliches.

In meiner damaligen Grundstimmung ("vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe") neigte ich dazu, Ihnen kritiklos zu glauben. Inzwischen bin ich aber über die bloße Theorie hinausgekommen, und in der Praxis stellte sich die Frau ganz anders dar. So war ich stark schockiert, als ich kürzlich das Kapitel "Über die Weiber" wieder las. Mir schien, daß es an der Zeit sei, endlich das dem weiblichen Geschlecht durch Ihre Feder angetane Unrecht wiedergutzumachen.