Welche Rolle spielen Einkommen, Herkunft und Religion im amerikanischen Wahlkampf?

Anfang nächster Woche wählen die Amerikaner ihren neuen Präsidenten – "am ersten Dienstag nach dem ersten Montag im November", wie das Gesetz es befiehlt. Der republikanische Kandidat Richard M. Nixon und sein demokratischer Opponent John F. Kennedy haben zum Endspurt ihres Wahlkampfes angesetzt. Noch einmal, ein letztes Mal, jagen sie im Düsensturm quer durch das weite Land zwischen Atlantik und Pazifik. Ihre Worte sind schärfer geworden, ihre Tonart gereizter; sie fechten nicht mehr mit rhetorischem Florett, sondern mit schwerem Säbel. Aber noch immer ist der Ausgang des Duells offen.

Die Meinungsbefrager versehen ihren Dienst nur noch aus Pflichtgefühl und Gewohnheit, ihr Nestor Dr. Gallup hat längst die Flinte der Prophetie ins Korn geworfen. Bei seiner letzten Umfrage bekannten sich wohl 49 Prozent der Befragten für Kennedy und 45 Prozent für Nixon; 4 Prozent bezeichneten sich als unentschieden. Berücksichtigte er indessen nur jene, die mit Gewißheit am 8. November auch zur Wahl gehen werden, so ergab sich, daß die beiden Konkurrenten Kopf an Kopf im Rennen liegen – 48 :48 :4.

Die Umfrage eines anderen angesehenen Meinungsinstitutes enthüllte sogar einen Block von 15 Prozent noch unentschiedener Wähler. Meinungsforscher wie Reporter sind überdies frappiert von der hohen Zahl jener, die sich einfach weigern, den Interviewern ihre Meinung kundzutun. Bei so vielen Unsicherheitsfaktoren hat Gallup denn wohlweislich darauf verzichtet, sich wie früher auf eine verbindliche Wahlprognose einzulassen.

Auch die Gelehrten, die Soziologen zumal und die politischen Wissenschaftler, sind in Verlegenheit. Die Maßstäbe, die sie über die Jahre zur Beurteilung der Wahlchancen ausgearbeitet haben – gelten sie heutzutage noch?

Wer stimmt für wen?

Weder die Republikaner noch die Demokraten sind ja Weltanschauungsparteien; sie sind beide lose Koalitionen höchst divergierender Interessengemeinschaften, deren Vertreter im Kongreß unter keinerlei Fraktionszwang stehen. Ohnehin gibt es diese Parteien nicht als nationale Organisationen, wie wir das in Europa kennen – es gibt bloß lokale Apparate, die keiner zentralen Steuerung unterliegen. Sie vegetieren normalerweise als örtlich begrenzte Klüngel dahin und treten nur alle vier Jahre "auf Bundesebene" in Erscheinung, um einen Kandidaten zu nominieren und ihn nach Möglichkeit ins Weiße Haus zu befördern. Danach versinken sie wieder unter dem Kirchturmshorizont, die schwache Zentralorganisation aber beschränkt sich im wesentlichen darauf, in den nächsten vier Jahren die Wahlkampfschulden abzutragen.