Sollen die Börsenumsätze täglich veröffentlicht werden? Soll hinter jedem im amtlichen Kurszettel genannten Kurs auch verzeichnet sein, wie groß die Beträge waren, die auf dieser Basis ihren Besitzer gewechselt haben? Mit diesen Fragen beschäftigen sich zur Zeit die Börsen und ihre Aufsichtsbehörden. Die Fronten sind hier nicht einheitlich. Unbestritten ist, daß der überwiegende Teil des Börsenpublikums eine Umsatzveröffentlichung wünscht, weil es glaubt, daraus Schlüsse auf die Berechtigung des jeweiligen Kurses und seine künftige Entwicklung ziehen zu können. Wir wissen, daß die Dow-Jones-Theroie ohne Kenntnis der genauen Umsatzzahlen überhaupt nicht denkbar ist. Inwieweit die aus den Umsatzzahlen gezogenen Konsequenzen richtig sind, steht auf einem anderen Blatt. Eines steht jedoch fest: Umsatzzahlen haben nur Wert, wenn sie vollständig sind. Ihre Veröffentlichung setzt den Börsenzwang voraus.

Heute können die Banken Wertpapiere untereinander handeln, also ohne Einschaltung der Börse, sie können ihren Kunden Aktien oder festverzinslichen Papiere aus ihren eigenen Beständen verkaufen, ohne sie über die Börse laufen zu lassen. Ja selbst Privatpersonen können sich gegenseitig Wertpapiere verkaufen. Niemand hat etwas dagegen, wenn nur die Börsenumsatzsteuer entrichtet wird. Der Börsenzwang würde diese Freizügigkeit beenden; er sieht die obligate Einschaltung der Kursmakler in den Handel vor, und damit auch eine Verteuerung der Spesen.

Die Börsenaufsichtsbehörden, die kürzlich in München tagten, haben es tunlichst vermieden, in den hinter den Kulissen heftig geführten Streit einzugreifen. Sie haben nur "weise" festgestellt, "daß unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten keine Gründe erkennbar sind, die gegen eine Veröffentlichung der Börsenumsätze sprechen können." Nach gutem parlamentarischen Brauch wurde dann eine "Arbeitsgruppe" beauftragt, die "in enger Zusammenarbeit mit den interessierten Kreisen die mit der Veröffentlichung der Börsenumsätze zusammenhängenden Probleme auch in technischer Hinsicht eingehend prüfen und gleichzeitig untersuchen soll, ob durch die Änderung bestimmter Vorschriften des Börsengesetzes oder des Handelsgesetzbuches eine stärkere Konzentration der Wertpapierumsätze an der Börse erreicht werden könnte." Bei der Gelegenheit sollen – so heißt es in einer Presseverlautbarung – dann auch die Verhältnisse an den anderen europäischen Börsen eingehend studiert und die Erfahrungen ausgewertet werden, welche beispielsweise in Holland mit der Veröffentlichung der Umsätze an der Amsterdamer. Börse gemacht worden sind. Ferner soll das französische System des Börsenzwanges untersucht werden.

Wie es tatsächlich mit der Umsatzveröffentlichung in Amsterdam bestellt ist, haben Hamburgs Börsianer jetzt aus dem Munde des Direktors der Amsterdamer Effektenbörse, Dr. de Graaff, erfahren, der im Rahmen einer von der Hanseatischen Wertpapierbörse veranstalteten Vortragsreihe über die Usancen seines Platzes sprach. Die Veröffentlichung der Börsenumsätze ist dort vorgeschrieben. Geneidet werden muß, was in der Börse gehandelt forden ist, also auch die Umsätze der Vor- und Nachbörse, soweit sie im Börsengebäude stattfindet, was in der Regel der Fall ist. Umsätze im sogenannten Telephonverkehr sind dagegen nicht meldepflichtig. Das ist also die erste Lücke. Die zweite besteht in der "Vergeßlichkeit" der Meldepflichtigen, wie Dr. de Graaff sich ausdrückte. Er schätzt, daß rund 50 Prozent der meldepflichtigen Umsätze auf diese Weise nicht erfaßt werden, so daß nach seiner Meinung die tatsächlichen Umsätze größer sind, als sie im Kurszettel angegeben werden. Er warnte geradezu davor, die gemeldeten Umsätze als Spiegelbild echter Börsenbewegungen zu betrachten. Überdies ist bei den Umsatzangaben des Amsterdamer Kurszettels zu beachten, daß die Meldungen bis zu 24 Stunden später eingehen, also die Angaben zur Beurteilung aktueller Börsenvorgänge nicht in jedem Fall herangezogen werden können.

Dr. de Graaff, offensichtlich selbst nicht sehr von der Notwendigkeit der Umsatz Veröffentlichung überzeugt, sagte in seinem Vortrag: "Entweder macht man die Umsatzveröffentlichungen hundertprozentig oder man unterläßt sie ganz. So wie es in Amsterdam gemacht wird, ist es unbefriedigend und man sollte sie einstellen!" Er gab den deutschen Börsen den Rat, für den Fall, daß sie zur Umsatzveröffentlichung übergehen sollten, folgenden Weg zu wählen: Von jedem Wertpapiergeschäft muß ein Durchschlag für statistische Zwecke angefertigt und an die Meldestelle weitergereicht werden. Nur so lassen sich alle Umsätze erfassen.

Das ist der Hinweis eines Fachmannes, der beachtet werden sollte. Wenn man sich entschließt, die Börsenumsätze zu erfassen und zu veröffentlichen, dann muß die Gewähr bestehen, daß die publizierten Zahlen auch mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Bei der deutschen Gründlichkeit können wir wohl auch damit rechnen, daß ein lückenloses Meldesystem entwickelt werden wird. Auf einem anderen Blatt steht allerdings die Frage, ob sich dieser Aufwand lohnen und welche Folgen er haben wird. Der Preis wäre zu hoch, wenn damit nur irgendein statistisches Bedürfnis befriedigt werden soll. Er wäre ebenfalls zu hoch, wenn damit die "Umsatzrangfolge" der acht deutschen Börsen sichtbar gemacht werden soll, denn sie ist ohnehin bekannt. Man kann damit auch kaum die an und für sich überfällige Börsenreform einleiten, d. h. die Schließung der Miniatur-Börsen. Mit Rücksicht auf die Berliner Börse muß dieses Problem vorerst zurückgestellt werden. Wer die Umsatzveröffentlichung will, muß einzig und allein nachweisen, daß sie für das Börsenpublikum einen großen Nutzen bringen wird, der den beträchtlichen Aufwand auch tatsächlich lohnt. K. W.