Von Robert Neumann

Das Problem der bona fides, des Guten Glaubens, rückt bei der Beurteilung moralischer psychologischer, politischer Tatbestände immer mehr in den Vordergrund meiner Erwägungen Ich glaube, es gibt sehr viel weniger Schurken als wir gemeinhin annehmen. Es gibt sogar sehr viel weniger Zyniker. Die Welt leidet an einer endemischen Hypertrophie der Männer, die Guter Glaubens sind. Es ist ein Leiden. Denn Guten Glauben ist eine monotheistische Religion. Dei "Rote", der "Schwarze", der Missionar des alleinseligmachenden American Way of Plumbing – alle sind sie Monotheisten und felsenfest davor überzeugt, den Monopolverschleiß aller edelster Menschheitsgüter gepachtet zu haben. Wer ander: denkt, ist für sie entweder ein Heide oder ein Ketzer. Heiden werden zwangs-getauft; Ketzei werden verbrannt.

Nicht ganz abwegige Gedanken, wenn man vor Konversionen sprechen will, wie ich heute und hier. Konversionen sind die Adaptation der bona fides an die geänderten Verhältnisse. Für den Primitiven sind sie dadurch vereinfacht, daß er ohne Gedächtnis ist. War er zum Beispiel einmal ein Nazi und ist er heute ein "Demokrat", so ist er eben nie vorher ein Nazi gewesen – nie hat er Heil Hitler gesagt, nie hat er damals einen Juder gesehen, von Konzentrationslagern hat er nicht: gewußt. Das gilt für die Masse der früheren Nazis mit denen man heutzutage zu tun bekommt. Weil diese Primitiven sich weigern, es gewesen zu sein, sind sie nicht ansprechbar; weil sie nicht ansprechbar sind, bleiben sie unsichere Kantonisten für den Fall einer faschistischen Renaissance.

Sehr viel schwerer macht es sich mit seiner Konversion der Intellektuelle (oder – da dieses Wort bei den politischen Anti-Intellektuellen vor rechts und links in üblen Geruch gekommen ist – der Mann, dem geistige und sittliche Probleme wirklich Probleme sind). Und das ganz besonders, wenn er aus dem katholischen Lager kommt. Da; gilt für einen Autor wie Hans Hellmut Kirst ebenso wie, sagen wir einmal, für den Minister Franz Josef Strauß, wie auch für einen dritter Typus, der etwa durch den viel-totgeschwiegener Autor Kurt Ziesel repräsentiert wird.

Der Fall Kirst repräsentiert die andere Möglichkeit. Auch er ist als junger Mensch den Nazi: hineingefallen – auch er hat daraus kein Hehl gemacht und es bekannt – aber seine "tätig" Reue", seine Reparation des Irrtums ist planvoll auf den wirklichen Feind gerichtet (nicht auf die Feindchen) und eben deshalb von viel größerei Durchschlagskraft. Er bleibt bei all dem ungemeir deutsch. Er bejaht alles Deutsche, er bejaht sogar die preußischen Tugenden, er bejaht den Soldaten den Offizier – aber eben darum gilt sein Hall den Verderbern.

In seinem so ungemein erfolgreichen Buch "08/15" habe ich das noch nicht gesehen. Ich habe es durchgeblättert, mit wenig Geduld oder Sympathie. Kirsts positive Werte waren offensichtlich, aber all das erschien mir allzusehr in der Nähe der alten Militärhumoreske angesiedelt zu sein – wenn auch mit einem neuen, derlei Humoresken fremden Vorzeichen der Rebellion, der sozialen Kritik. Es war natürlich genau diese Mischung des "Haha, genauso lustig haben wir’s auch getrieben" mit dem "So ein Schwein war auch unser Spieß", was alle ehemaligen Landser alle Sonst-keine-Bücher-Leser gerade dieses Buch kaufen und lesen, gerade seine Verfilmung mit Kind und Kegel besuchen ließ. Es war ein für schlichte Gemüter guter und empfehlenswerte! Tabak – aber nicht meine Marke.

Sein neues Buch –