Der große Ballon ist rot-weiß gestreift. Eine offene Gondel hängt unter ihm, ein Korbgeflecht mit rostroten Sandsäcken außen, und vier Nebelhörner zeigen nach vier verschiedenen Richtungen. Man kann durch sie verdünnte Luft ausblasen, und mit dem Rückstoß wird der Ballon gesteuert. In der Gondel sitzt ein Großvater (André Gille) und sein Enkel (Pascale Lamorisse). Es entstand ein liebenswerter Film über Frankreich: "Die Reise im Ballon".

Der Regisseur, Drehbuchautor und Kameramann Albert Lamorisse, von dem wir schon "Der rote Ballon" und "Der weiße Hengst" sahen, zeigt das Frankreich von 1960. Er machte ein Märchen daraus, das so bezaubernd wurde, daß man sich aller Chromautos und aller Fabriken schämte, die unten auf der Erde noch zu sehen waren. Als der Ballon in der nordfranzösischen Stadt Bethume zum erstenmal aufsteigt, die Bürohäuser kleiner und kleiner werden und die Schornsteine nur noch spitze Bleistifte sind und nichts mehr von Automation und Menschenmassen zu sehen ist, da klingt der stille Protest dieses Films gegen den Zustand dieser Welt durch, in der offenbar kein Platz mehr für Dinge zu sein scheint, die nicht mit empfindlichen Meßgeräten registriert werden können.

Der Filmstil von Lamorisse erinnert an Kafkas Erzähltechnik: Die minuziöse Beschreibung von Gegenständen schafft eine unwirkliche Beklommenheit. Nur – bei Lamorisse ist nichts von düsterem Hintergrund zu spüren, er zeichnet mit mozartscher Beschwingtheit. Es gelingt ihm, Dokumentaraufnahmen zu machen, die wohl die Wirklichkeit wiedergeben, aber ganz neue Seiten hervortreten lassen.

Eine Fülle von Ideen lassen das Ballonabenteuer in keinem Augenblick zum Lehrfilm erlahmen: Eine Wäscheleine verfängt sich am Anker, der an einem Seil unter der Gondel baumelt, die Wäschestücke werden zum Drachenschwanz, fallen ab, nur ein weißes Nachthemd klammert sich noch fest. Dann fällt es auch hinunter, wie ein Nachtgespenst, das sich in den Sonnenschein verirrt hat. Der Großvater hat einen Gehilfen, der die Ballonfahrt auf der Erde ständig mit dem Auto begleitet und die Zwischenlandungen vorbereitet. Dieser Gehilfe (Maurice Baquet) besitzt ein altes Vehikel, das selbstdenkend fahren kann. Mal tuckert es wie ein Hündchen hinter seinem Herrn her, mal schläft sein Herr auf dem Sitz und das Auto nimmt von allein die Kurve – unter atemloser Anteilnahme des Publikums, versteht sich. "Hallo", ruft der Gehilfe aus dem Auto nach oben, "hallo", antwortet eine Kinderstimme, nicht aus dem Ballon, sondern aus dem Parkett.

Felder sehen wie gestrickte Pullover aus und Kirchtürme wie Lanzen. Ein vor den Jägern fliehender Hirsch wird vom Ballon aus unterstützt: "Du mußt jetzt wieder da lang!", ruft der Enkel. Der Hirsch bleibt stehen und wendet sich in die neue Richtung. Eine Brautjungfer aus der Bretagne verirrt sich in die leere Gondel...

Am Ende fliegt der kleine Junge allein, aber er bekommt Angst und springt auf einer Sandbank an der baskischen Küste ab. Der Ballon steigt hoch in den Himmel und schwebt hinaus aufs Meer. Der Junge läuft ein paar Schritte ins Wasser, aber die Gischtwellen treiben ihn zurück. Das Märchen ist fortgeflogen. Zurück bleibt auf dem weiten Sand der kleine Pascale Lamorisse. Er spielt nicht, er lebt seine Rolle. J. Z.