Die Namen Dolbeschkin, Gebrüder Kroll, Mudrais, Mikelstein und Lawrelaschwili sind über Nacht in der ganzen Sowjetunion bekannt geworden. Es sind jedoch weder die Namen von Bestarbeitern noch von Helden der sozialistischen Arbeit. Dolbeschkin und Genossen sind zu Symbolen des Negativen geworden: Sie sind sowjetische Kapitalisten. In der Sowjetpresse werden sie freilich "Parasiten" und "Nichtstuer" (tunejadzy) genannt.

Freund Dolbeschkin lebt in Gomel und hat sich dort eine private Firma mit eigenen Angestellten und Arbeitern aufgebaut. Er produziert Ausrüstungen für Ziegeleien, die er dann an staatliche Unternehmen verkauft. Obwohl so etwas in der Sowjetunion verboten ist, gelang es dem geschickten Dolbeschkin, für seine Tätigkeit ein legale Form zu finden, so daß die Gerichte bisher nicht gegen ihn eingeschritten sind.

Die Gebrüder Kroll haben sich im Viehhandel ein kleines Vermögen erworben. Herr Mudrais – Genosse kann man ihn ja kaum nennen – Herr Mudrais also hat in Riga einen Hektar Land gekauft und darauf Gewächshäuser errichtet; sein gärtnerisches Privatunternehmen hat ihm im letzten Jahr 230 000 Rubel eingebracht. Sein Mitbürger Mikelstein brachte es sogar zu eineinhalb Hektar Besitz; einen Teil verpachtete er, einen anderen ließ er durch bezahlte Arbeitskräfte bebauen. Außerdem hat er privat noch eine Reihe von Wohnungen vermietet. Noch kapitalistischer aber hat es der georgische Ingenieur Lawrelaschwili getrieben: Er besitzt eine private Baufirma mit zwei eigenen Hebekränen und stand nicht an, sich bei staatlichen Unternehmungen als "Bauunternehmer und Geschäftsmann" vorzustellen.

Aus der Sowjetpresse geht hervor, daß die pfiff figen Unternehmer keineswegs Einzelerscheinungen sind. In der Umgebung von Moskau gibt es eine ganze Kette von privaten Schneiderwerkstätten, die offensichtlich nicht unterzukriegen ist. Sobald eine Werkstatt geschlossen wird, entsteht sogleich eine neue. Sogar Kollektivwirtschaften bedienen sich oft kleiner Privatfirmen, wenn Viehstellen gebaut oder Elektrikerarbeiten erledigt werden müssen. Bei Saratow an der Wolga haben einige Kollektivwirtschaften, um ihren Holzabgabeplan an den Staat zu erfüllen, die Holzbeschaffung kurzerhand privaten Unternehmungen übergeben; eine Reihe von Kollektivwirtschaften hat Grund und Boden an Privatpersonen verpachtet. Dies nahm so sehr überhand, daß die Parteiführung von Usbekistan es in einem besonderen Beschluß verbieten mußte. In Grusien (Georgien) werden die "Nichtstuer" ohne Gerichtsurteil zu sechsmonatiger bis zweijähriger "Arbeitspflicht" verdonnert.

Besondere Sorge bereitet dem Parteiapparat das Vordringen der privaten Tätigkeit im Wohnungsbau. Dies war zunächst zugelassen, ja sogar gefördert worden. Seit 1957 durften neben den staatlichen oder staatlich gelenkten Wohnbaugenossenschaften auch Privatleute kleine Eigenheime errichten. Das Finanzministerium half mit Anleihen aus, die Volkswirtschaftsräte und Gebietssowjets mit Baumaterialien und Transportmitteln; die Gewerkschaften leisteten "notwendige materielle und technische Hilfe". Der private Wohnungsbau florierte allerdings bald mehr, als der Parteiführung lieb war. Danach wurde im März 1958 der Akzent wieder auf den staatlichen und genossenschaftlichen Wohnungsbau gelegt. Immerhin konnten sich an vielen Orten private Bauunternehmen zu Vereinigungen zusammenschließen, die keineswegs nur für sich selbst bauten, sondern die von ihnen errichteten Neubauten vermieteten oder verkauften.

Die privatwirtschaftlichen Tendenzen nahmen schließlich solche Ausmaße an, daß sich die Parteiführung zum Gegenschlag entschloß. Am 16. Oktober gab das Regierungsblatt Iswestija bekannt, daß "in Übereinstimmung mit den Vorschlägen der Werktätigen" die Errichtung von privaten Wohnungen oder Datschen fürderhin als "nicht ratsam" angesehen wird. Alle Anleihen für den privaten Wohnungsbau werden ab sofort eingestellt.

Die Sowjetführung hat gleichzeitig damit eine Kampagne gegen die "privaten Eigentumstendenzen" begonnen. In einem ungezeichneten Leitartikel ("Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen") rügt die Zeitschrift Kommunist sogar Parteiorganisationen, weil sie den "Kampf gegen Tendenzen des Privateigentums und des Individualismus" nicht scharf genug führten. Auch Gerichtsorgane und Miliz zeigten eine zu großzügige Einstellung gegenüber "Menschen, deren Handlungen im Widerspruch zu den Prinzipien des Sozialismus stehen". Leonid Iljitschow, einer der führenden Sowjetideologen, stieß dieser Tage dann in dasselbe Horn: Im Kampf gegen die Tendenzen des Privateigentums "darf es keine Abschwächung, keinen Liberalismus und keine Gleichgültigkeit geben ... Mögen die Parasiten und Müßiggänger vor der Macht der öffentlichen Meinung, vor der Macht der Sowjetgesetze erzittern!"

Durch das Verbot der privaten Bautätigkeit ist unzweifelhaft der große Wohnungsbauplan, der die Wohnungsnot in zehn bis zwölf Jahren überwinden soll, ernsthaft gefährdet. Die Tatsache, daß sich die Sowjetführung dazu entschließen mußte, beleuchtet aufs neue die widerspruchsvolle Wechselwirkung zwischen ideologischen Prinzipien und wirtschaftlichen Notwendigkeiten in der UdSSR. Wiederholt sind in den letzten Jahren ideologische Thesen im Interesse praktisch wirtschaftlicher Forderungen verändert worden. Andererseits aber zeigt dieses Beispiel – wie schon einige andere vorher – daß die Sowjetführung umgekehrt nicht zögert, eine Verlangsamung des Aufbautempos in Kauf zu nehmen, wenn es die ideologischen Prinzipien erfordern sollten. Wolfgang Leonhard