Von Ingrid Neumann

"Bei der gedrückten Lage, in welcher sich gegenwärtig die Eisenindustrie des Zollvereins befindet, und der Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit, daß diese Verhältnisse durch die andauernde politische Spannung und die steigende Concurrenz des Auslands noch einer Verschlimmerung entgegengehen, scheint es dringend geboten, durch Vervollkommnung der Hüttentechnik und eine umsichtige und verständige Betriebs-Öconomie die in der Conjunktur liegenden Nachtheile möglichst zu paralysiren. Um diesen Zweck und damit die Absicht zu erreichen, eine entsprechende Rentabilität des Eisengewerbes wiederzugewinnen, bedarf es mehr als der Bestrebung Einzelner. Nur ein festes und inniges Zusammenwirken der gesammten vaterländischen Eisenindustrie und eine Vereinigung aller Kräfte vermag diese Aufgabe zu lösen..." – Das war der Anfang der nun hundertjährigen Geschichte des Vereins Deutscher Eisenhüttenleute. Mit jenen Worten, die einen Brief aus den Oktobertagen des Jahres 1860 einleiten, haben damals die Industriellen Leopold Hoesch, Jakob Kocher und Reiner Daelen die Initiative ergriffen, die zur Konstituierung dieses Vereins führte, der seither die Geschichte nicht nur der deutschen Stahlindustrie entscheidend mit beeinflußt hat. Zum 100. Male sieht die Rheinmetropole Düsseldorf die Mitglieder des Vereins Deutscher Eisenhüttenleute und zahlreiche Gäste aus der Stahlindustrie der freien Welt zum Eisenhüttentag zusammenkommen, auf dem nicht nur wie alljährlich die technischen und wirtschaftlichen Fragen dieses Industriezweigs zur Debatte stehen, sondern auch die hundertjährige Tradition dieses in der ganzen Welt anerkannten Forums gefeiert wird.

Ein geeigneteres Jubiläumsgeschenk für eine Industrie, die das 100jährige Bestehen ihrer international bedeutenden Spitzenorganisation feiert, läßt sich kaum denken: die westdeutsche eisenschaffende Industrie, die in diesen Tagen zum Eisenhüttentag 1960 zusammenkommt, um die technische und wirtschaftliche Bilanz ihrer Entwicklung zu ziehen und dabei zugleich das Feld abzustecken für ihre künftigen Entscheidungen, erlebt 1960 ein Boomjahr, das vielleicht einmalig, sicher aber denkwürdig ist in der Geschichte des deutschen Stahls.

Die Hüttenwerke an Rhein und Ruhr haben sich in den vergangenen Monaten von Rekord zu Rekord gesteigert. Produktions- und Verkaufszahlen sind gemeldet worden, die auch ohne den Vergleich mit dem Jahr 1959 – dessen erste Monate noch von der Stahlflaute überschattet waren – eine beispiellose Entwicklung illustrieren. Im Ruhrrevier werden zum Teil Rohstahl-Zuwachsraten von 25 vH und darüber erreicht. Insgesamt wird die westdeutsche Rohstahlerzeugung in diesem Jahr voraussichtlich knapp unter 34 Mill. t liegen. Das bedeutet, daß die vorhandenen Kapazitäten nahezu voll ausgefahren werden. Stellenweise ist sogar schon eine mehr als hundertprozentige Auslastung der – theoretischen – Kapazität erreicht worden.

Die hohe Beschäftigung der Werke wurde vom Markt verlangt. Dabei war es vorwiegend das Inlandgeschäft, das den Motor der Stahlproduktion auf diese hohen Touren gebracht hat. Der Stahlexport hat sowohl im Mengengeschäft als auch besonders im Hinblick auf die erzielten Erlöse nicht wieder die luftigen Höhen früherer Boomjahre erreicht. Aber das trübt die Freude dieser Industrie keineswegs, die vielmehr – wie gerade in diesem Jahr häufig betont worden ist – ihre besondere Sorgfalt auf die Pflege ihrer Beziehungen zu den inländischen Abnehmern legt. Daß in den Sommermonaten hier und da bei der Hereinnahme von Exportaufträgen sogar bewußt Zurückhaltung zugunsten des Inlandabsatzes geübt worden ist, kennzeichnet diese Entwicklung.

In den Auftragsbüchern der Stahlindustrie füllt der innerdeutsche Markt die Seiten. Die monatlichen Auftragseingänge, die im Durchschnitt des ersten Halbjahres 1960 von den Hütten- und Walzwerken registriert wurden, lauteten über die stattliche Ziffer von 1,7 Mill. t Walzwerkfertigstahl. Davon entfielen – ebenfalls im Monatsdurchschnitt – 1,36 Mill. t auf Inlandbestellungen. Wenn man sich daran erinnert, daß im Flautenjahr 1958 die Lieferwünsche der deutschen Stahlverarbeiter auf 870 000 t im Monat – bei einem gesamten Auftragseingang von 1,2 Mill. t – zusammengeschrumpft waren, dann wird es besonders deutlich, wie weit der Stahlboom des Jahres 1960 von der ausgezeichneten Konjunktur der deutschen Wirtschaft getragen wird. Bei anhaltend hohen Walzstahlimporten – der Marktanteil des Auslands liegt bei 15,4 vH – hat der Binnenmarkt bisher spielend die Zuwachsraten der heimischen Stahlerzeuger aufgenommen. Mit einem recht soliden Auftragspolster von jetzt 5,772 Mill. t Walzwerkfertigerzeugnissen können die westdeutschen Hüttenwerke in aller Ruhe ihr Rekordjahr beenden. Zwar muß die Rechnung, daß mit diesem Auftragsbestand die gegenwärtige – sehr hohe – Beschäftigung der Unternehmen für etwa dreieinhalb Monate gesichert ist, eine rein theoretische Überlegung bleiben; aber mit dieser Reserve in den Winter zu gehen, ist schon ein Wort.

Dennoch wäre es gefährlich, die Hochkonjunktur der vergangenen Monate in die Zukunft projizieren zu wollen. Es mehren sich innerhalb der Stahlindustrie selbst die Stimmen, die zu leichter Vorsicht mahnen. Und es wäre sicherlich falsch, diese Stimmen lediglich als taktische Antwort auf die von der Bundesregierung zu ergreifenden Maßnahmen zur Konjunkturdämpfung abtun zu wollen. Der Höhepunkt ist beim Stahl offenbar überschritten.