DIE ZEIT

Rotes Algerien?

Es gibt, wie ich glaube, kein Problem, das – so unlösbar es auch erscheinen mag, während es akut ist – aus der Perspektive der nächsten Generation nicht verhältnismäßig belanglos wirkt.

Mourmelon liegt in Europa

Da hat doch der Moskauer Rundfunk einmal etwas Richtiges gesagt: „Die Abmachung über den Einzug der Bundeswehr in Frankreich ist ohne Beispiel in der Geschichte der französisch-deutschen Beziehungen.

Träume

Die paar freundlichen Worte Chruschtschows, die er kürzlich in einem Gespräch mit Botschafter Kroll über den Bundeskanzler hat fallenlassen, das Fehlen grober aggressiver Formulierungen in seiner nächsten öffentlichen Rede über die Bundesrepublik (angeblich als Folge jenes Gesprächs) – diese, man muß schon sagen: Kuriosität, wurde im Palais Schaumburg mit Interesse zur Kenntnis genommen.

Führer gesucht

Liebe Bürgerinnen und Bürger“ – das steht in fetten Lettern über einem Flugblatt, das die Darmstädter Wahlstrategen der CDU jüngst verteilen ließen.

SOS-Ruf

Die Lage wird immer alarmierender, wir gehen einem Desaster entgegen“, dies sagte der Leiter der Zivilen Kongo-Mission Sure Linner.

Spion Frenzel

Jede Gemeinschaft muß damit rechnen, daß es in ihren Reihen Lumpen und Verräter geben kann. Daß Frenzel ein SPD-Mann war, sagt über die SPD ebensowenig aus wie über die Emigranten, zu denen er gehörte.

Ulbricht säubert wieder

Am vorletzten Wochenende hatte die Bezirkshauptstadt Neubrandenburg hohen SED-Besuch. Parteichef Ulbricht hatte seinen engsten und wichtigsten Mitarbeiter Willi Stoph samt kleinem Gefolge entsandt, um Ordnung unter den Genossen zu schaffen.

Zeitspiegel

„Der Schah von Persien hat am Dienstag sein kaiserliches Hauptquartier in die Klinik verlegt, wo Kaiserin Farah sich von der Entbindung des langersehnten Thronfolgers erholt und der kleine Prinz den ersten Tag seines Lebens im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit verbrachte .

Kabale in Köln

Kaum hat sich der Intendant des Westdeutschen Rundfunks überreden lassen, nach abgelaufener Amtszeit als Kandidat für seine eigene Nachfolgeschaft aufzutreten, da muß er feststellen, daß er keineswegs so erwünscht ist, wie er dies hatte annehmen dürfen: Hartmann fand eine – wenn auch knappe – Mehrheit der Stimmen im Verwaltungsrat (vier zu drei), doch ist nicht sicher, ob die andere Instanz, nämlich der Rundfunkrat, sich ebenfalls positiv entscheiden wird.

Chef zweier Ministerien

Das Amt des Bundesvertriebenenministers, das seit dem Rücktritt Oberländers verwaist war, ist wieder besetzt: Dr. Hans Joachim von Merkatz, der seit Jahren das Bundesratsministerium leitet, wurde mit der Führung des Ressorts für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte betraut.

Wer vertritt Strauß?

Keine staatliche Institution bedarf so sehr klarer Befehlsverhältnisse wie die Bundeswehr. Seit fünf Jahren gibt es das Verteidigungsministerium, seit vier Jahren wird es von Franz Josef Strauß geleitet, der häufiger als wohl alle andere Minister von Bonn abwesend ist – und nun stellt sich plötzlich heraus, daß seine Stellvertretung im Verteidigungsministerium umstritten ist.

Brennpunkt Brenner

Die meisten Italiener haben den Beschluß der Vereinten Nationen über Südtirol mit Genugtuung zur Kenntnis genommen. Zwei Punkte werden in Rom hervorgehoben: die in New York beschlossene Beschränkung des Streites auf die Auslegung des italienisch-österreichischen Abkommens von 1946 und die an beide Parteien gerichtete Empfehlung, in erster Linie den Internationalen Gerichtshof in Haag anzurufen, falls die neuen Verhandlungen keinen Erfolg bringen.

Nixons Rührei des Kolumbus

Hirzels Beerdigungsinstitut steht in dicken schwarzen Lettern auf den Lehnen der Klappstühle, auf denen Patricia und Richard Nixon Platz nehmen.

Vorgedruckter Blödsinn

Herr S. versteht sich meisterlich auf die Kunst verschmitzten Lächelns. Er lächelte auch noch, als ihm unlängst ein behördlich vervielfältigtes Mahnschreiben ins Haus flatterte, des Inhalts, er möge seinen Wagen fristgemäß dem Technischen Überwachungsverein vorführen, und das Fahrzeug umzumelden, widrigenfalls .

Nach fünfzehn Jahren

Vor fünfzehn Jahren trugen sie alle die gleiche Drillichjacke. Auf dem Rücken standen in weißer Farbe die Buchstaben POW – das Erkennungszeichen der Kriegsgefangenen in England.

Berlin: Staatsanwälte contra Beamte

Diesen Schmidt wird man sich merken müssen. Am vergangenen Dienstag wurde er vom Präsidenten des Berliner Kammergerichts in sein Richteramt eingeführt.

Baden-Württemberg: Sanktioniertes Geschenk

Der Stuttgarter Oberbürgermeister Dr. Klett kann sich der Perserbrücke, die er zu seinem 50. Geburtstag am 8. April 1955 von der Firma Daimler-Benz AG geschenkt bekommen hatte, bis auf weiteres ungestört erfreuen.

Hamburg: Johann, die Tänzerin

Vor dem Amtsrichter steht eine kleine, schmale Gestalt im modebraunen, mit großem rundem Kragen gezierten Mantel, unter dem schwarze enge Teenager-Hosen und flache Slipper mit Schleifchen zu sehen sind.

Schleswig-Holstein: Wann darf ein Soldat schießen?

In der Nacht zum 13. Januar 1960 erschoß der damalige Panzergrenadier Uwe Timm aus Hamburg – als Posten im Kasernenbereich Flensburg-Weiche eingeteilt – einen Gefreiten einer anderen Einheit, der sich „in Zivilkleidung in verdächtiger Weise an abgestellten Kraftfahrzeugen zu schaffen machte“.

Klumpige, schimmernde Materie

Jean Dubuffet: das ist art brut (derbe Kunst), Malerei an der Grenze. Ist das überhaupt noch Malerei? fragt der Betrachter, je nach Temperament betroffen, verlegen oder entrüstet.

Was heißt hier zurück?

Übrigens, was heißt hier „zurück“? Wenn ich durch geeignete Mittel eine sich in mir entwickelnde Krankheit abgewehrt und den früheren, gesunden Zustand wiederhergestellt habe, möchte ich das nicht als Rückentwicklung, als Zurückdrehen des Entwicklungsrades bezeichnen.

Traumkunstwerke

So tief verstört und unmutig fanden ihn die Freunde, daß sie ihm schier gewaltsam seine kostbare Geige, die er am Türpfosten zerschlagen wollte, aus der Hand winden mußten; und sie war doch ein echter Granuelo von solchem Klange, daß, wer sie einmal gehört hatte, zeit seines Lebens schwur, alle die anderen, die Amati und Stradivari, seien nur schlechte Winselinstrumente dagegen.

Mein Gedicht: Kriegslied

Dem Hamburger Journalisten liegt es nahe, das Gedicht eines Hamburger Journalisten zu dem seinen zu machen. Gewiß, das Wandsbeck des Boten war noch nicht Hamburg-Wandsbek, es lag im damals dänischen Holstein.

Mit dem Feldwebel bei Klabund

Vor 70 Jahren wurde in Crossen an der Oder Alfred Henschke geboren, der nach dem Ersten Weltkriege unter dem Namen Klabund als Lyriker, Erzähler und Bühnenautor bekannt wurde.

Zeitmosaik

Der unablässigen Nörgeleien von rechts und links müde, erkannte die Schwedische Akademie den diesjährigen Nobelpreis für Literatur einem Dichter zu, dem niemand die hohe Auszeichnung mißgönnen wird, ist sie doch wirklich, wie es in der Verleihungsschrift heißt, „praktisch nur eine Bestätigung seines internationalen Standes als einer der größten Pioniere der modernen Dichtkunst“: dem dreiundsiebzigjährigen französischen Diplomaten und Lyriker Alexis Saint-Leger beziehungsweise Saint-John Perse.

Ehret die Frauen...

Sie haben vor hundert Jahren Frankfurt ohne Angabe Ihrer neuen Anschrift verlassen. Deshalb übergebe ich meinen an Sie gerichteten Brief der Presse in der Hoffnung, daß meine Ausführungen Sie so am ehesten erreichen werden.

Ein Abend des Zauberers

Damals – Jahrzehnte nach dem Tode der düsteren Herrscherin Makabra – war in Postmakabrien, auch Lätitianien genannt, viel los.

Die Mädchen und die Gangster

Man gab ein Stück – aber es hatte keinen Autor. Es war eine Tragödie – aber die Leute weinten nicht. Die Schauspieler waren gut – aber keine Schauspieler.

Unser Seller-Teller Oktober 1960

Eigentlich sollten wir uns wohl etwas darauf einbilden, daß unsere mit Hilfe unserer Vertrauensbuchhandlungen vor sechs Wochen aufgestellten Bestseller-Prognosen alle so schön in Erfüllung gehen: Mit Ausnahme der Lawrence-Erzählungen (die als „Buch der Neunzehn“ sowieso von vornherein die besten Aussichten hatten), ist diesmal kein einziges Buch auf dem Seller-Teller – oder fast auf dem Seller-Teller–, dem damals nicht Bestseller-Ehren prophezeit worden wären; dennoch macht es uns herzlich wenig froh, recht zu haben.

Abschiedsparade der Gefühle

Pasternak und Nabokov, die seit Monaten aufden Bestsellerlisten Amerikas obenan stehen, haben eine Lawine ausgelöst, deren Ende noch nicht abzusehen ist.

Fabrik des Schmutzes

Der Schriftsteller Hans Hellmut Kirst und das Bundesverteidigungsministerium

Kritik kann Kunst sein

Was wir summarisch „Kunstkritik“ nennen, ist. schon längst kein einheitliches und fest umrissenes Phänomen mehr. Es hat sich seit den Tagen Lessings in verschiedene Teilphänomene gespalten, die sich bisweilen noch in einigen Punkten berühren, häufig genug aber durchaus nichts mehr miteinander zu tun haben.

Sprachknochensplitter...

Nachschrift: Wir drucken diese beiden Gebilde ab, die irgend etwas, gewiß aber keine Gedichte sind..........................

Missionar in China

Denn dieses Buch schildert die Geschichte der christlichen Missionierung Chinas und zugleich die Geschichte der ersten methodischen Erforschung dieses hermetisch abgeschlossenen riesigen Reiches durch einen Europäer, den italienischen Missionar Matteo Ricci.

Das Leben des Handlungsreisenden

Die Kabarettisierung der deutschen Literatur schreitet rüstig voran. Brettlbegabungen vom Schlage der Grass und Enzensberger haben den Marsch auf die Kernbastionen angetreten.

Das erste der letzten Dinge

Die Helden und Heldinnen stehen hoch in den Siebzigern, viele sind achtzig und darüber. Ihre letzte und wesentliche Aufgabe ist (nach einem schönen Wort von Joachim Bodamer) „der nächsten Generation das Sterben vorzuleben“.

Arnold-Schönberg-Kompendium

Die Gestalt Arnold Schönbergs ist auch heute immer noch Gegenstand sehr unterschiedlicher Beurteilungen. Über das spezifische Gewicht seines Schaffens bestehen sehr gegensätzliche Meinungen: Für die einen (die heute Zeitgemäßen) bedeuten Schönbergs Werke nichts Geringeres als das Buch der Bücher, die Bibel aller musikalischen Zukunft; für die andern sind sie ein anregender Durchgang, eine notwendig gewesene, aber in ihrer Gültigkeit zeitlich begrenzte musikgeschichtliche Episode.

Drei Väter pro Familie sind zuviel

„Viele Eltern und Großeltern, die zugleich mit den sozialen Verhältnissen vertraut sind, glauben nicht, daß unsere Familien mit Kindern durchweg deklassiert sind oder sich deklassiert fühlen.

Der Bonner Abschöpf-Löffel

Die Zuwachsrate der industriellen Produktion ist in den letzten Monaten, verglichen mit dem jeweils gleichen Monat des Vorjahres, geringer geworden.

Kaufmännische Bundesbahn

Nach einer mißverständlichen und daher (auch von uns) falsch verstandenen Intervention des Bundeskanzlers, hat das Kabinett nun doch die Erhöhung verschiedener Verkehrstarife der Bundesbahn beschlossen.

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