Kaum hat sich der Intendant des Westdeutschen Rundfunks überreden lassen, nach abgelaufener Amtszeit als Kandidat für seine eigene Nachfolgeschaft aufzutreten, da muß er feststellen, daß er keineswegs so erwünscht ist, wie er dies hatte annehmen dürfen: Hartmann fand eine – wenn auch knappe – Mehrheit der Stimmen im Verwaltungsrat (vier zu drei), doch ist nicht sicher, ob die andere Instanz, nämlich der Rundfunkrat, sich ebenfalls positiv entscheiden wird. Das muß für Hartmann tief enttäuschend sein; für den Hörer- und Fernseher-Kreis nicht minder.

Wenn es nach der – durch Erfolge nachhaltig nachgewiesenen – Tüchtigkeit ginge, dann wäre die Wahl im vorhinein, mit absoluter Stimmenmehrheit entschieden gewesen. Der neue Intendant hieße wie der alte: Hartmann. Nach welchen Regeln geht es dann aber? Hartmann ist bei seinen Mitarbeitern hochgeehrt und beliebt, weil er ihnen nicht nur Anregung gibt, nicht nur Freiheit zur Arbeit, sondern sie schützt gegen ungerechtfertigte Kritik "von oben". Gegen den Fachmann Hartmann bringt "von draußen" niemand etwas vor, mancher freilich etwas gegen seinen Freimut. Er ist nicht nur tüchtig und ein unermüdbares "Arbeitstier" (mit einem einzigen Fehler, unter dem er allein leiden muß: er kümmert sich zu sehr um Kleinigkeiten), sondern er hat Charakter. Liegt es daran? Das wäre unbegreiflich.

Oder sollten es politische Gründe sein? Das wäre die Höhe der Unbegreiflichkeit! Selbst, wenn es möglich wäre, synthetisch Menschen herzustellen, deren Gehirnsubstanz jeweils der parlamentarischen Mischung von CDU, SPD und FDP entspricht, dürften diese Typen nur für wenige Posten geeignet sein, am allerwenigsten für den eines Rundfunk- und Fernsehintendanten. Loyalität – darauf kommt es an.

In den nächsten Jahren steht den Fernsehstationen durch die Konkurrenz, die sie erhalten, einiges bevor. Sollten die Mitglieder des Rundfunkrates einer "Klüngel"-Lösung den Vorzug vor der Entscheidung für den tüchtigsten Mann geben, so täten sie das, was gerade sie nicht tun sollten: sie unterstützten das Freie Fernsehen ... J. M. M.