Nach einer mißverständlichen und daher (auch von uns) falsch verstandenen Intervention des Bundeskanzlers, hat das Kabinett nun doch die Erhöhung verschiedener Verkehrstarife der Bundesbahn beschlossen. Die Maßnahmen sind im wesentlichen am 1. November in Kraft getreten. Es handelt sich

1. um eine Preiserhöhung bei den Arbeiter-Wochen- und Monats-Karten um durchschnittlich 25 vH; 2. eine Heraufsetzung der Expreßguttarife um 26 vH; 3. eine Tariferhöhung im Stückgut- und Sammelgutverkehr um 11 vH (auf der Straße um 6 vH); und 4. um die Anhebung verschiedener landwirtschaftlicher Subventions-Tarife in unterschiedlichem Ausmaß (zum 1. Dezember).

Obwohl die sogenannten "Sozialtarife" nicht in dem Umfang und Ausmaß heraufgesetzt wurden, das die Bundesbahn gewünscht hatte, sollen die neuen Maßnahmen dem größten westdeutschen Unternehmen zusätzliche Einnahmen im Betrag von rund 220 Mill. DM jährlich verschaffen. Zusammen mit einem Haushaltszuschuß für die Rationalisierung des Personenverkehrs von 150 Mill. DM könnte diese Summe zur Überwindung des Defizits ausreichen.

Zustimmung oder Ablehnung hängen also in diesem Fall davon ab, ob man die Eigenwirtschaftlichkeit oder gar Rentabilität als Prinzip auch für ein öffentliches Unternehmen bejaht, oder ob man dem größten Verkehrsunternehmen die Aufgabe zuschreibt, Wirtschafts- und Sozialpolitik durch künstlich niedrige Tarife und Inkaufnahme von Defiziten zu betreiben.

Der Gesamtwirtschaft, und damit im Durchschnitt auch jedem Einzelnen, bringt die Bundesbahn dann am meisten Nutzen, wenn sie ihre Leistungen zu Tarifen anbietet, die den wirklichen Kosten dieser Leistungen entsprechen. Bietet die Bahn Transporte zu übersetzten Tarifen an, so zieht sie – soweit ihr das bei der starken Konkurrenz in Einzelfällen noch möglich ist – eine Monopolrente ein, die der Verbraucher bezahlen muß, ohne eine Gegenleistung zu erhalten. Werden dagegen Leistungen zu künstlich niedrigen Tarifen abgegeben – wie bisher in den Fällen, die jetzt durch die neuen Maßnahmen ausgemerzt werden sollen –, so führt die Bahn Transporte durch, die durch andere Verkehrsmittel wirtschaftlicher bewältigt werden könnten.

Am rationellsten wickelt sich der Verkehr daher! dann ab, wenn die Bundesbahn – und auch ihre; Konkurrenten – kostenechte Tarife berechnen. Daß diese Regel aus verschiedenen Gründen nicht immer anwendbar ist und Ausnahmen daher nicht zu umgehen sind, ändert nichts an ihrem Charakter als grundsätzliche Richtlinie. Indem die Bundesbahn die Preise für ihre Dienstleistungen den wirklichen Kosten nähert, fördert sie also eine wirtschaftliche Organisation des Verkehrswesens.

Da damit zugleich das Defizit der Bahn entweder abgebaut oder gar ganz beseitigt werden, kann, bezahlen jene Benutzer in Zukunft die Leistungen der Bundesbahn in vermehrtem Maße, die tatsächlich "Konsumenten" dieser Dienstleistungen sind. Die Steuerzahler, die das vom Bund übernommene Defizit am Ende finanzieren müssen, werden dadurch entlastet. Die Verteilung der Lasten wird also durch die finanzielle Stärkung der Bundesbahn gerechter.