Von Günter Henle

Einem Wunsch der Redaktion der ZEIT entsprechend, schildert im folgenden aus Anlaß des Eisen-Hütten-Tages der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Klöckner-Werke AG, Dr. Günter Henle, die gegenwärtige Aktivität und künftigen Perspektiven der deutschen Stahlindustrie in den Entwicklungsländern.

Fast alle Entwicklungsländer stehen heute im Zeichen der Industrialisierung. Daß die Schaffung industrieller Produktionsstätten zu einem sehr erheblichen Teil Lieferungen von Erzeugnissen der Eisen- und Stahlindustrie aus industriell hochentwickelten Ländern zur Voraussetzung hat, bedarf kaum näherer Darlegung – man denke nur an die jeweils erforderliche Ausstattung mit leistungsfähigen Maschinen. Daß sonach auch die deutsche Stahlindustrie sich mit in erster Linie berufen fühlt, zum Wirtschaftsaufbau in den Entwicklungsländern ihren Anteil beizutragen, liegt auf der Hand. Diesen Beitrag zu leisten, ist sie durchaus, bereit; denn die Sorge, sich durch Förderung dieses Industrieaufbaus selbst den Wettbewerber heranzuziehen, spielt keine Rolle. Einmal ist die Stahlknappheit im Gesamtbereich der Entwicklungsländer dazu viel zu groß, und dann hat auch die Erfahrung von Jahrzehnten längst gezeigt, daß durch den Aufbau neuer Industrien der Welthandel belebt und keineswegs etwa eingeengt oder gar lahmgelegt wird.

Daß der Bau eines oder mehrerer Stahlwerke in vielen Entwicklungsländern als Grundlage und erstrebenswertes erstes Ziel jeder Industrialisierung angesehen wird, ist allbekannt. Das deckt sich auch mit der sowjetrussischen These, wonach die Schaffung von Schwer- und Großindustrien die alleinige Voraussetzung für eine rasche wirtschaftliche Entwicklung bilde. Im Westen wird demgegenüber oft und in vielen Fällen wohl auch mit Recht darauf hingewiesen, daß für eine Vielzahl der Entwicklungsländer der Aufbau der sogenannten Infrastruktur, d. h. Bau von Verkehrswegen, Hafenanlagen, Krankenhäusern usw., sowie die Entwicklung und Modernisierung der landwirtschaftlichen Erzeugung und der Rohstoffgewinnung dringlicher sei und man so erst einmal die Voraussetzungen für den Bau von Stahlwerken schaffen müsse.

Das bedeutet aber nicht, daß es sich dabei um Sektoren des Wirtschaftsaufbaus handelt, zu denen die deutsche Stahlindustrie nichts beizutragen hätte. Denn auch für Infrastrukturanlagen sind ja Erzeugnisse der Eisen- und Stahlindustrie nicht zu entbehren. Man denke nur an Eisenbahnschienen und Eisenbahnmaterial, an Baumaschinen für den Straßenbau mit Baggern, Kränen und Druckluftwerkzeugen, an das Material für Hafen- und Werftanlagen und vieles andere mehr.

Beim Bau von Kraftwerken oder Fabriken für Fernsprechmaterial mag die Elektroindustrie die Vorhand haben, aber auch dabei werden Erzeugnisse der Eisen- und Stahlindustrie in großem Umfang benötigt. Die Entwicklung der Landwirtschaft erfordert nicht weniger Maschinen, wie z. B. Ackerschlepper und andere, auch Düngemittelfabriken, wenn auch in manchen Ländern der Überfluß an menschlicher Arbeitskraft die Mechanisierung in der Landwirtschaft noch als weniger dringlich erscheinen lassen mag. Nicht anders steht es mit der Rohstoff gewinnung, besonders dem Abbau von Erzen und der Ausbeutung von Ölvorkommen. Der Gruben- und Stollenbau ist ohne maschinellen Einsatz nicht mehr rationell, wie die ölgewinnung ohne Bohrmaschinen und Leitungsrohre nicht zu bewerkstelligen ist.

So erstrecken sich also die unserer Stahlindustrie gestellten Aufgaben auf den Gesamtbereich des Wirtschaftsaufbaues in den Entwicklungsländern und sind keineswegs etwa nur auf die Errichtung von Stahlwerken und deren maschinelle Ausstattung beschränkt.