Mit dem Frühling am Südpol beginnt die 6. antarktische Forschungssaison Tiefste Erdtemperatur 88,3 Grad

Von Theo Löbsack

In diesen Wochen zieht der Frühling in der Antarktis ein. Unter den härtesten klimatischen Bedingungen beginnt damit das Forschungsprogramm 1960/61 auf einem Kontinent, von dem man sagt, er sei lebensfeindlicher als irgendein anderer Erdteil und – solange Mond und Planeten von uns noch nicht betreten werden können – das "unirdischste" für den Menschen überhaupt erreichbare Land. Verschieden wie Tag und Nacht sind dieser Kontinent und seine arktische Schwesterlandschaft im hohen Norden. Die Arktis: ein von Landmassen umgebener Ozean, auf dem die Packeisfelder treiben. Die Antarktis: ein Kontinentalklotz, groß wie Europa und Australien zusammen, umspült von stürmischen Meeren. Während in der Arktis – nördlich des 60. Breitengrades – mehr als eine Million Menschen wohnen, während hier Pflanzen und Tiere gedeihen, ist der Weiße Kontinent ein nahezu totes Land. Mit seiner gigantischen Eiskruste, die am Südpol 3067 Meter dick ist, und mit Temperaturen, die auf fast neunzig Grad Celsius unter Null fallen können, ist er eine einzige grauenhafte Eis-Wildnis.

Seit zwei Jahrhunderten haben wagemutige Männer versucht, diese froststarrende Wildnis zu bezwingen wie einen widerspenstigen Bergriesen, doch was sie ausgerichtet haben, ist kaum mehr als ein Kratzer am unnahbaren Eispanzer der Antarktis. In diesen Tagen beginnt nun von neuem der Ansturm: Die sechste antarktische Forschungssaison fängt an, nachdem die großen Nationen kurz vor Beginn des Internationalen Geophysikalischen Jahres, im Südsommer 1955/56, zum Großangriff auf den Südpol geblasen hatten. Allein die amerikanische Expedition, die soeben vom neuseeländischen Hafen Christchurch mit Südkurs abgereist ist, zählt alles in allem rund 3000 Mann. 120 Wissenschaftler und Techniker sind darunter. Diese Männer sollen 198 ihrer Kameraden ablösen, die im amerikanischen Hauptquartier am McMurdo-Sund überwintert haben. Vier Millionen Dollar, gestiftet von der National Science Foundation, werden die diesjährigen Pläne ausführen helfen.

Kurs Südpol

Unter anderem wird eine zehnköpfige Mannschaft von der Byrd-Station aus den Südpol mit Spezialfahrzeugen zu erreichen versuchen und dazu 1300 Kilometer über Eis und Schnee zurücklegen müssen. Farbige Bambusstangen – alle 300 Meter ins Eis gerammt – sollen die Route markieren und den Sicherungsflugzeugen den Weg weisen, den die Männer genommen haben.

Die Gefahren, mit denen die Expedition rechnen muß, sind außer Pannen an Fahrzeugen und Funkgeräten, das berüchtigte White out beim Marsch über das spaltendurchsetzte Eisgelände. Das White out ist teils durch das milchige Zwielicht der antarktischen Dämmerung bedingt, teils eine Wirkung erschöpfter Nerven. Es äußert sich in einer schwer erklärbaren Hilflosigkeit, die den Menschen nach langem Aufenthalt in Schnee und Eis überkommt. Der Betroffene erkennt zwar noch seine Füße, nicht aber mehr den Boden, auf dem sie gehen; er fühlt wohl das Steuerrad des Raupenschleppers, sieht aber nicht mehr den Weg. Wenn nicht das Gefühl der eigenen Schwere wäre, könnte er glauben, er schwebe in einem grenzenlosen weißen Nichts, aus dem es kein Entrinnen gibt.