Von Gottfried Sello

Jean Dubuffet: das ist art brut (derbe Kunst), Malerei an der Grenze. Ist das überhaupt noch Malerei? fragt der Betrachter, je nach Temperament betroffen, verlegen oder entrüstet. Der Künstler selbst nimmt diese Frage durchaus nicht übel. Seine Antwort heißt: "Ich habe es gern, wenn eine Malerei an der Grenze dessen liegt, was keine Malerei mehr ist." Wo hört die Malerei auf, Malerei zu sein, wo fängt das Kritzeln an? Bei Dubuffet sind diejenigen völlig im Recht, die immer, wenn sie moderne Bilder sehen, von Kinderzeichnungen oder den Malereien Geis:eskranker reden.

Dubuffet liebt derlei Dinge nicht nur, er hat diese primitiven und abartigen Manifestationen gesammelt, sorgsam katalogisiert und diese Sammlung dann als art brut dem Publikum in Paris vorgeführt. Spuren dieser Vorliebe kann man in seinen eigenen Bildern wiederfinden, und es war naheliegend, einen Mann, der sich ganz offen, ja schamlos die Ausdrucksmittel der Primitiven zu eigen macht, selber einen "Primitiven" zu nennen (wobei sein unerhörtes technisches Raffinement sogleich dazu zwingt, die Primitivität in Gänsefüßchen zu setzen).

Um jedes Mißverständnis auszuschließen: Ton Dubuffet ist die Rede, nicht von Buffet; beide werden wegen der Namen oft verwechselt, obgleich da wirklich nichts zu verwechseln ist. Beide debütierten nach dem Kriege in Paris. Der zwanzigjährige Buffet hatte sogleich Erfolg, Dubuffet wurde nicht ernst genommen. Der Umschwung kam irgendwann in den fünfziger Jahren, Buffet blieb, was man keineswegs hatte voraussehen können, ohne Folgen, das heißt ohne Nachfolger. Aber Dubuffet war plötzlich aktuell. Überall in der Welt machte er Schule.

Die gekritzelten Männchen und fleckigen Gesichter, die viel schrecklicher und provozierender sind als Buffets dürre, ausgemergelte, traurige Existentialistengerippe, tauchen auf allen möglichen Bildern von allen möglichen Künstlern auf, sogar bei den Informellen. Schon gehört Dubuffet zu den höchstbezahlten Künstlern. Seine raffinierten Primitivismen fungieren als künstlerischer Hintergrund mondäner Parties. Auf der zweiten documenta, dem Kunstsalon globalen Maßes, wurde Dubuffet groß herausgestellt – Buffet war nicht zugelassen.

Dubuffet hat konventionell begonnen. Mit 15 Jahren bezog er, 1916, die Ecole des Beaux Arts in seiner Heimatstadt Le Havre, ging dann nach Paris auf die Académie Julian und gab enttäuscht, angewidert das Malen auf. Statt dessen studierte er Alte und Neue Sprachen, Literatur, Philosophie, Musik und wurde mit diesem beträchtlichen geistigen Fundus nicht etwa Professor, sondern – Weinhändler. Er reüssierte und hatte bis 1942 soviel verdient, daß er sich vom Geschäft zurückziehen konnte.

Seitdem ist. er nur noch Künstler, er malt, macht Bilder aus den verschiedensten Materialien (sogar aus Schmetterlingsflügeln), fertigt Statuen – "Kleine Statuen des prekären Lebens" und "Monolithische Personen" – außerdem Zeichnungen und Lithographien. Er selber hat sein Schaffen von 1942 bis 1960 in genau 21 Perioden gegliedert, in denen jeweils ein Thema oder mehrere Themen in Serie abgehandelt werden. Zum Beispiel: 3. Periode (August 1946 bis Oktober 1947) – "Porträts" und "Sahara." 5. Periode – "Paysages grotesques." Dann die endlosen Serien der "Sols et Terrains", der Topographien und Texturologien.