Von Walter Abendroth

Was wir summarisch "Kunstkritik" nennen, ist. schon längst kein einheitliches und fest umrissenes Phänomen mehr. Es hat sich seit den Tagen Lessings in verschiedene Teilphänomene gespalten, die sich bisweilen noch in einigen Punkten berühren, häufig genug aber durchaus nichts mehr miteinander zu tun haben.

Ursache dieser Aufspaltung war die immer weitere Streuung der Publizistik und damit ihre immer differenziertere Verpflichtung gegenüber den unterschiedlichsten Interessensphären, also auch die immer tiefere Kluft zwischen den Erwartungen und Ansprüchen verschiedener Leserschichten, die heute "Kunstkritik" gebrauchen.

Man kann die drei erwähnten Teilphänomene etwa so kennzeichnen: Kritik, die nichts anderem dienen will als den Zwecken und Zielen der Kunst; Kritik, die den Erfordernissen des Journalismus dient; Kritik, die ihren Zweck und ihr Ziel in sich selbst sucht, die sich selbst zu einer Kunstgattung erhoben hat.

Daß die Zwecke und Ziele der Kunst und die des Journalismus nicht identisch sind, versteht sich von selbst. So läßt sich begreifen, daß in der journalistischen Kunstkritik die natürliche Problematik aller öffentlichen Kritik noch eine Potenzierung erfährt, infolgedessen die verantwortbare Ausübung dieser Tätigkeit an ziemlich diffizile Voraussetzungen gebunden bleibt.

Die einzig der Kunst verpflichtete Kritik hat ihren naturgegebenen Ort in der Fachzeitschrift, wo sie die große Erleichterung genießt, sich der hier allgemeinverständlichen Sachterminologie bedienen zu dürfen. Die selber Kunst gewordene Kritik hat nur in den wenigen überlebenden noblen Feuilletons einzelner großer Zeitungen Raum, vor allem jedoch im eleganten Essay-Band "für den gebildeten Leser". Als Erscheinung des Büchermarktes ist dieses Literaturobjekt nicht mehr sehr häufig. Um so interessierter nimmt man es zur Hand, wenn es sich einem anbietet. Hier haben wir wieder einmal eins –

Herbert Read: "Die Kunst der Kunstkritik und andere Essays zur Philosophie, Literatur und Kunst", aus dem Englischen übertragen von Herbert Schlüter; Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh; 376 S., Leinen 21,50 DM.