China, für das Mittelalter Garten Eden und Heimat grotesker Fabelwesen, für Marco Polos Zeitgenossen nicht minder fabelhaftes Land Kathai, ist der zweite Held des Buches von

Vincent Cronin: "Der Jesuit als Mandarin"; Henry Goverts Verlag, Stuttgart; 299 Seiten, 18,50 DM.

Denn dieses Buch schildert die Geschichte der christlichen Missionierung Chinas und zugleich die Geschichte der ersten methodischen Erforschung dieses hermetisch abgeschlossenen riesigen Reiches durch einen Europäer, den italienischen Missionar Matteo Ricci.

Gerade heute, in der Endzeit der Kolonialperiode, erfüllt es mit melancholischer Bewunderung, wenn man nachliest, wie Ricci voll Instinkt und Takt, Weisheit und Maß gegenüber der eindrucksvollen und alten Kultur seines Missionsgebietes die Einsicht gewinnt, daß er hier nicht von der geistigen Überlegenheit und Kultur des Abendlandes sprechen kann, um zu überzeugen und zu bekehren.

Er handelt nach dieser Einsicht: lernt die chinesische Sprache, eignet sich die Grundlagen der chinesischen Philosophie und Wissenschaften an und versucht, die Inhalte des Christentums und der abendländischen Ideen so in den Rahmen chinesischer Vorstellungen zu bringen, daß sie nichts von ihrem Gehalt verloren und dafür von den anderen traditionellen Voraussetzungen aus verstanden und akzeptiert werden konnten.

Die Geschichte dieses einsamen Versuchs ist ungemein spannend, und es wird begreiflich, daß Riccis konsequent, geduldig und demütig vorgelebte religiöse und menschliche Haltung Achtung und Anhängerschaft hervorrief. Aber einen rechten Nachfolger fand er nicht.

Vincent Cronin, der Sohn des Romanciers, hat sich in seinem Buch eng an die Quellen gehalten: an Matteo Riccis eigene Geschichte der chinesischen Mission, seine und seiner Confratres Briefe. Er vermeidet die Imagination und wählt dafür die sachliche und oft trockene Form eines halb wissenschaftlichen Reports. Dadurch bleibt die Figur des Paters Ricci sonderbar blaß und unpersönlich, ist nur Träger ausgezeichneter christlicher und europäischer Tugenden. Doch selbst im Spiegelbild seines Werkes, im Abbild des Lebensverlaufs besitzt Matteo Ricci Größe. sy