Von Hanns Arens

Vor 70 Jahren wurde in Crossen an der Oder Alfred Henschke geboren, der nach dem Ersten Weltkriege unter dem Namen Klabund als Lyriker, Erzähler und Bühnenautor bekannt wurde. Er fühlte sich François Villon verwandt, liebte die Ironie und ahnte, skeptisch und tief beunruhigt, kommende Katastrophen. Seine Fähigkeit, fremde Stile zu assimilieren, fiel besonders in seinem Drama "Der Kreidekreis" auf, das er nach chinesischem Vorbild schuf und Elisabeth Bergner widmete. Klabund starb im Jahre 1928 in Davos.

Im September 1939 wurde ich in Berlin zu den Landesschützen eingezogen. Vom Lehrter Bahnhof ging es nach Crossen an der Oder. In einer langen Vierer-Reihe marschierten wir, jeder einen Koffer oder Pappkarton schwenkend, zur Kaserne. Bevor wir eingekleidet wurden, vergingen vier Tage. Trostlos eintönige Tage. Nachdem wir das "Ehrenkleid des Führers" verpaßt bekommen hatten, warteten wir wieder viele Tage auf den Abtransport. Es war eine Qual, denn wir durften den Kasernenhof nicht verlassen, weil, wie es hieß, stündlich der Befehl des Abrückens kommen könnte. Die meisten vertrieben sich die Zeit in der stickigen Kasernen-Kantine mit Kartenspielen von morgens bis tief in die Nacht.

Was aber sollte ich tun?

Da kam mir ein rettender Gedanke! Für eine einzige Stunde könnte ich vielleicht dem Trott entrinnen: Befand sich auf dem Friedhof von Crossen nicht das Grab eines bekannten und geliebten Dichters?

Ich überlegte nicht lange und machte mich sogleich auf den Weg. Den Wachposten überrumpelte ich mit Frechheit. Mit den selbstsicher hingeworfenen Worten: "Muß was für den Feldwebel besorgen..." ging ich an ihm vorbei.

Im Ort fragte ich nach dem Friedhof. Mein Gewissen war rein, denn ich hatte ja nichts Böses vor, wollte nicht desertieren, ja nicht einmal ein Café besuchen, was ich so gern getan hätte. Aber diesen Mut besaß ich nicht.