M-M, Paris, Anfang November

Da hat doch der Moskauer Rundfunk einmal etwas Richtiges gesagt: "Die Abmachung über den Einzug der Bundeswehr in Frankreich ist ohne Beispiel in der Geschichte der französisch-deutschen Beziehungen." Dafür war dann schon der nächste Satz wieder ganz falsch: "Noch niemals bisher hat das französische Volk eine so schwere Beleidigung erdulden müssen." Der Informationsminister Louis Terrenoire nannte soeben auf dem Paneuropäischen Kongreß in Nizza, dem Coudenhove-Kalergi vorsteht, die Anwesenheit deutscher NATO-Einheiten in der Champagne den von allen Europäern höchst erwünschten Beweis für den guten Willen Frankreichs, auf der Basis der deutsch-französischen Verständigung ein gemeinsames Europa aufzubauen. Und wie verhalten sich die französischen Bürger selber?

In Mourmelon, der "atlantischen Garnisonstadt" in Nordfrankreich, wo die deutschen Einheiten zur Übung eingetroffen sind, hat ein Kinobesitzer aus eigenen Stücken "Les SS frappent la nuit" abgesetzt, weil, wie er meinte, dieser Film durch die Schilderung der Nazi-Untaten die Soldaten ärgern und das Publikum gegen die Deutschen aufbringen könne. Zuviel Takt, Monsieur! Der Film heißt im Original "Nachts, wenn der Teufel kam" und ist deutscher Herkunft.

"Sie sind unerträglich", so hörte der Reporter des Pariser Figaro, Jacques Nosari, der aus Mourmelon stammt, einen dortigen Bürger stöhnen. "Die deutschen Soldaten?" – "Nein, die Journalisten, die die Bevölkerung mit Fragen und Blitzlichtern überschütten!"

Und der Bürgermeister Dr. Pierre Quenin, Arzt von Beruf, erzählte, daß er im Ersten Weltkrieg zum Waisen, im Zweiten zum Soldaten und Gefangenen geworden sei, und fügte hinzu, daß wohl bei dem und jenem ein Anflug von Unbehagen beim Anblick der deutschen Soldaten aufgetaucht sei, doch sofort auch die Feststellung: "Der Haß ist heute altmodisch. Wie alle Franzosen, die unter zwei Weltkriegen gelitten haben, wünschen auch wir aus heißem Herzen den Frieden und stimmen allem zu, was dazu beitragen kann."

In Mourmelon sind französische, holländische und deutsche Truppen zusammengetroffen – "L’Europe en marche", wie der "Figaro" schreibt. Für all diese Soldaten hat der Geistliche der deutschen Fallschirmjäger, Martin Zeil, die Messe in einem Ornat gelesen, das ihm der Feldgeistliche des französischen Panzerregiments Nr. 503 geliehen hat; das war am Sonntag, an dem das Evangelium dieses ersten europäischen Soldatengottesdienstes von "Christus, dem König und Versöhner der Völker" sprach.

Zwischenfälle? – Keine! "Denkt immer daran", so war den deutschen Soldaten aufgetragen worden, "daß von eurem Benehmen viel für die zukünftigen Beziehungen zwischen den Franzosen und uns abhängt!" Unsere jungen Soldaten scheinen sich an diese Parole zu halten.