Die Börsianer hatten große Hoffnungen auf die (ausgebliebene) Diskontsenkung gesetzt. Nach ihrer Meinung hätte sie eine Art Initialzündung für verstärkte Aktienkäufe durch die Bankkundschaft sein können, wenngleich der Zusammenhang zwischen Diskontsenkung und Aktiengeschäft nicht ohne weiteres klar ist. Aber bessere Argumente, die für eine Aufwärtsbewegung der Aktienkurse sprechen, sind offensichtlich nicht greifbar. Umsatz- und Gewinnsteigerungen, sowie weitere (berechtigte) Erwartungen auf Kapitalerhöhungen und Berichtigungsaktien wurden bereits in der vergangenen Hausse-Periode in den Kursen berücksichtigt – und man ist realistisch genug, aus diesen Gründen die Kurse nicht noch einmal steigen zu lassen.

Die ausgebliebene Diskontsenkung ist vom Börsenstandpunkt nicht nur negativ zu beurteilen. Denn sie zeigt schließlich, daß der Zentralbankrat aus innerwirtschaftlichen Gründen glaubt, den hohen Satz noch weiter aufrechterhalten zu müssen, obwohl eine Senkung währungspolitisch dringend geboten ist. Auch das Bundeswirtschaftsministerium spricht noch von spürbaren Überhitzungserscheinungen. Beide Instanzen haben sich also durch den Zweckpessimismus einiger Wirtschaftskreise nicht beeindrucken lassen. Ein deutlicher Rückgang der Auftragsbestände zeichnet sich – das läßt sich kaum leugnen – in der Eisen- und Stahlindustrie ab. Hier kann man jedoch eher von einer Normalisierung als von bedrohlichen Anzeichen einer neuen Flaute sprechen, Nach den Erfahrungen der letzten Jahre würden – wenn das letztere der Fall wäre – die großen Eisen- und Stahlkonzerne auf Dividendenerhöhungen verzichten. Doch davon kann keine Rede sein. Natürlich mag bei der einen oder anderen Gesellschaft mit der Dividendenaufstockung die Absicht verknüpft sein, den Boden für eine Kapitalerhöhung zu bereiten. Vorläufig ist es wohl aber zu früh, von einer neuen Kapitalerhöhungswelle bei den Montanunternehmenzu sprechen.

Eines scheint jedoch auf Grund der veränderten Börsensituation sicher zu sein: Kapitalerhöhungen setzen eine sorgsame Kurspflege voraus. Die Zeiten, in denen das breite Publikum ohne weiteres von seinem Bezugsrecht Gebrauch machte, also das an die Börse gelangende Angebot relativ gering war, sind vorüber. Aus dem "treuen" Aktionär ist ein "rechnender" Kapitalanleger geworden. Zu ihnen gehören vor allem die Investment-Fonds die – wie ihre Rechenschaftsberichte beweisen – in starkem Maße Bezugsrechte "verwertet" (also verkauft) haben. Das läßt sich nicht einfach mit dem Hinweis abtun, daß die Fonds eben. Mittel für die Ausschüttungen frei machen mußten. Natürlich waren die Fonds genötigt, Substanz zu veräußern, um ihre hohen Ausschüttungen zu finanzieren, denn der Zustrom neuer Mittel (aus dem Verkauf von Zertifikaten) stockt schon mehrere Monate, aber die Geldbeschaffung läßt sich auch auf andere Weise, nämlich durch den Verkauf von Aktien erzielen. Wenn vornehmlich Bezugsrechte abgestoßen wurden, dann doch wohl aus der Überzeugung heraus, daß die Aktienkurse solcher Unternehmen, die Kapitalerhöhungen vorgenommen haben, noch lange Zeit ohne Chancen bleiben werden. Daß diese Überlegungen richtig waren, läßt sich durch eine Reihe von Beispielen aus dem Montan-Bereich belegen.

Alle Gesellschaften, die im 1. Halbjahr 1961 ihr Kapital erhöhen wollen, müssen zwangsläufig in Konkurrenz zu den Volkswagen-Aktien treten, jedenfalls insoweit bei ihnen das Aktienkapital zu einem nennenswerten Teil in Händen von Kleinaktionären liegt. Die VW-"Privatisierung" wird rund 1 Mrd. DM an Spargeldern auf sich ziehen. Das sind Mittel, von denen ein großer Teil sonst den Investment-Gesellschaften und dem Aktienmarkt direkt zugute gekommen wäre. Schon heute kann man sagen, daß die Käuferzurückhaltung nicht zuletzt auch mit der VW-Aktion zu begründen ist, denn viele Zeichnungswillige (die Nachfrage nach VW-Aktien ist unter "Mobilisierung der Großmütter" rege) haben bereits jetzt die etwa in Frage kommenden Mittel bereitgestellt oder die Weihnachts- und Jahresschluß-Gratifikationen dafür vorgesehen. Kurt Wendt