Frankreichs Politik der verspäteten Entschlüsse

Es gibt, wie ich glaube, kein Problem, das – so unlösbar es auch erscheinen mag, während es akut ist – aus der Perspektive der nächsten Generation nicht verhältnismäßig belanglos wirkt. Wie keineswegs unüberwindbar, ja wie unsinnig kommen uns heute, im Jahre 1960, die Spannungen vor, die zum Ersten Weltkrieg führten, zu jenem Erdbeben, das eine festgefügte Welt in Trümmer bersten ließ, das an die Stelle der tausendjährigen Donau-Monarchie ein Vakuum setzte, Hitler den Weg bereitete und den Glauben an die prädestinierte Vorherrschaft des weißen Mannes zerstörte.

Es sind nicht so sehr objektive Tatbestände und naturgegebene Schwierigkeiten, mit denen die Völker sich auseinandersetzen müssen und an denen sie zuweilen zugrunde gehen, sondern sehr viel eher subjektive, irrationale, psychologische Gründe. Gewiß sind diese meist mit Machtansprüchen verknüpft und wirken, so gesehen, ganz handfest, konkret und materiell – aber fünfzig Jahre später? Fünfzig Jahre später fragt man sich: Hätte das nicht auf andere – bessere – Weise geregelt werden können?

Nun ist jenes "hätte..." ("hätte" Maria Theresia nicht Friedrich den Großen heiraten können?) eine recht müßige Frage, weil man am Lauf der Geschichte nun einmal nichts ändern kann. Aber man sollte dem "würde..." der Gegenwart und Zukunft mehr Beachtung schenken.

Also: Würde nicht alles dafür sprechen, den algerischen Krieg, der dieser Tage ins siebente Jahr eintritt, so rasch wie möglich zu beenden? Rasch, das heißt, ehe das Ganze zu einer Katastrophe ohnegleichen wird. Sie – die Katastrophe – zeichnet sich nämlich bereits deutlich ab.

Im Grunde ist es ein Wunder, daß angesichts der Zweiteilung der Welt die Kommunisten nicht längst auf diesem Schauplatz eingegriffen haben, der es ihnen erlauben würde, Europa in die Zange zu nehmen; das heißt: 1. in Nordafrika eine Front gegen die Weichteile Westeuropas aufzubauen und 2. auf dem so begehrten Kontinent Afrika weithin sichtbar als Verteidiger der arabischen Freiheitsbewegung gegen eine europäische Kolonialmacht aufzutreten.

Bisher gab es zwei Gründe, warum dies nicht geschehen ist. Chruschtschow wollte nicht den Abbruch der Beziehungen zu Frankreich riskieren, und die Algerier wollten sich nicht an Moskau verkaufen – ein instinktives Gefühl, das Nasser, König Mohammed und Burgiba ständig wach hielten.