R. S., Bonn, Anfang November

Jede Gemeinschaft muß damit rechnen, daß es in ihren Reihen Lumpen und Verräter geben kann. Daß Frenzel ein SPD-Mann war, sagt über die SPD ebensowenig aus wie über die Emigranten, zu denen er gehörte. Wenn Ministerpräsident von Hassel nun zwischen Emigranten, die bald, und solchen, die erst spät zurückgekehrt sind, unterscheiden möchte (wobei seine wohlwollende Nachsicht nur der erstgenannten Emigrantengruppe gilt), so hat er sich für diese Unterscheidung im Hinblick auf den Fall Frenzel ein schlechtes Beispiel ausgesucht. Frenzel ist nämlich – im Gegensatz zu Willy Brandt, den Hassel wohl treffen wollte – bald zurückgekehrt.

Frenzel wurde von seiner Fraktion in den Verteidigungsausschuß entsandt. Das vertrauliche Material, das dort behandelt wird, erfordert eine besondere Vertrauenswürdigkeit der damit befaßten Personen. Man hört jetzt, daß es in Frenzeis Vergangenheit sehr fragwürdige Punkte gibt. So soll er im Gegensatz zu den anderen deutschen Emigranten bereits in London der These des Dr. Benesch zugestimmt haben, die Sudetendeutschen müßten aus ihrer Heimat vertrieben werden. Es wird behauptet, daß der tschechische Geheimdienst über diese Äußerungen Frenzeis Aufzeichnungen besitze, mit denen er ihn erpreßt habe.

Man hört weiter, daß Frenzel der tschechischen Exilarmee angehörte und in deren Reihen in die Tschechoslowakei zurückgekehrt ist, wo er eine Zeitlang dem Narodni Vybor, dem Nationalkomitee in Reichenberg, angehört haben soll, also jener tschechischen Organisation, an die die Sudetendeutschen aus guten Gründen sehr trübe Erinnerungen haben. Man hört ferner, daß Frenzel, als er bereits Abgeordneter war, mehrmals nach Prag gereist und daß er auf einer dieser Reisen anderen Bundestagsabgeordneten durch sein nervöses, merkwürdig fahriges Benehmen aufgefallen sei.

Frenzel soll die Tschechoslowakei mit seiner ganzen beweglichen Habe verlassen haben, während die übrigen Sudetendeutschen nur 30 bis 50 kg mitnehmen durften. Gewiß, er war in der tschechischen Legion, und man konnte vermuten, daß ihm deshalb die Vergünstigung zuteil geworden sei. Doch scheint es, daß er sich als Mitglied des Narodni Vybor Sudetendeutschen gegenüber mehrfach nicht so benommen hat, wie man es gerade im Unglück von einem Landsmann erwarten durfte.

Dies alles, besonders aber sein Verhalten in der Londoner Emigration, hätte in der Tat Anlaß genug geboten, ihm nicht allzu vertrauensselig zu begegnen. Der Abgeordnete Jaksch von der SPD kannte ihn doch noch aus der alten Heimat; der Abgeordnete Ollenhauer und andere, die zunächst nach Prag und dann nach London emigriert waren, hatten doch wohl in London nicht jeden Kontakt zu ihm verloren. Warum hat man gerade diesen Mann in den Verteidigungsausschuß entsandt? Waltete hier nicht eine Kameradie, der die persönliche Beziehung manchmal wichtiger zu sein scheint als die Sache?

Merkwürdigerweise ist innerhalb der SPD das Mißtrauen gegenüber denen, die als mehr "bürgerlich" galten, wie Erler, Mommer, Carlo Schmid, jederzeit wach, während die Mitglieder, von denenbekannt ist, daß sie mehr links stehen, solche Skepsis weniger zu befürchten brauchen. Gerade bei Frenzel aber wäre Skepsis sehr am Platze gewesen.

Man wird in Zukunft die Abgeordneten, denen geheimes Material zugänglich gemacht wird, viel genauer unter die Lupe nehmen müssen als bisher. Nicht nur in ihrer Partei. Aber das ist ein anderes, sorgfältig zu erwägendes Thema.