Von Arno Schmidt

So tief verstört und unmutig fanden ihn die Freunde, daß sie ihm schier gewaltsam seine kostbare Geige, die er am Türpfosten zerschlagen wollte, aus der Hand winden mußten; und sie war doch ein echter Granuelo von solchem Klange, daß, wer sie einmal gehört hatte, zeit seines Lebens schwur, alle die anderen, die Amati und Stradivari, seien nur schlechte Winselinstrumente dagegen. Nur langsam beruhigte sich der große Giuseppe Tartini, der berühmteste Geiger seines Jahrhunderts, nach dessen ‚L’art de archet‘ man noch heute wohl im Süden den Bogen führt, und erzählte den verwundert Lauschenden also: Heute, im Traum der Nacht, habe er in einem rot erleuchteten kleinen Saale gestanden, ganz allein, an der Tür, und den Mann im Anzug aus feuerfarbener Seide am Pult beobachtet, wie der eine Geige von altertümlicher Form kurz stimmte, und darauf eine Melodie zu geigen begann, auch dabei den Bogen mit unbegreiflicher Fertigkeit führte, daß er, Tartini, vor Bewunderung und Neid sich nicht zu lassen gewußt habe.

Am Ende habe der hohe Schwarze (dem sichtlich ein Horn der Stirn zu entwachsen begann) sich nach ihm umgewandt, mit einer Fratze ein höhnisches Schnippchen geschlagen, und alles sei verschwunden gewesen. Nun habe er soeben versucht, die im Traum gehörte Melodie zu notieren und zu spielen; der Versuch sei aber so tief unter dem Gehörten geblieben, daß er eben – wie es einem Stümper ja nicht besser gebühre! – seine Geige an die Wand hätte schmettern wollen. – Noch heute gilt die berühmte ‚Sonate mit dem Teufelstriller‘ als Prüfstein virtuoser Beherrschung des Instrumentes. –

Wer in einem unserer großen Kupferstichkabinette den Namen Giovanni Battista Piranesi nennt, dem wird man wahrscheinlich einige seiner 2000 bezaubernden Radierungen antiker Bauwerke vorlegen; und sie sind ja auch sehenswert genug, die verödeten Plätze des gesunkenen Rom von 1750 mit den efeuumrankten Triumphbögen und der Staffage von ruhenden Viehtreibern und Pifferari. Aber es gibt auch eine Serie düsterer Blätter, die ‚Carceri‘ (Kerker); wo sich endlose Hallen öffnen, auf dem steinernen Pflaster riesige unbekannte Maschinen, Balkengespinste und die Fangarme mächtiger Ketten. Aus der Wand starrt ein Gigantenhaupt, im zahnlos-mächtigen Mund einen Eisenreif. Neben ihm beginnt eine Treppe, schmal an die Mauer geklebt, auf der ein menschenwinziges Geschöpf eifrig nach oben zu entkommen versucht; bald macht sie eine Wendung in die entgegengesetzte Richtung, und wieder klimmt an ihrem oberen Ende der Kleine; wendet wieder und wieder, und immer treppt der Arme hoffnungslos höher, bis sich endlich Stiege und Piranesi-Jedermann im Dämmer der auch nach oben unendlichen Halle verlieren: – die ganze Serie gibt die Alpträume des Künstlers während einer schweren fiebrischen Krankheit wieder, und wirkt, zumal heute, im Zeitalter des Maschinenschreckens, unwiderstehlich faszinierend.

Als der große Romantiker Fouqué seinen mächtigen Ritterroman vom ‚Zauberring‘ schrieb, an dem sich die Epoche der Freiheitskriege gar nicht satt zu lesen vermochte, vollendete er im ersten grandiosen Wurf leicht den ersten und zweiten Teil des umfangreichen Buches. "Dann aber begann ihm ein Dunkel vor der Frage aufzusteigen: Wie nun weiter?" Dazu kam noch, daß die Dichtung fest auf historischen Grund gebaut, an eine allzu gewaltsame Erfindung, von der die Geschichte nichts gewußt hätte, also schwer zu denken war. Da kam es in der Nacht vom 21. zum 22. Juni 1811 seltsam über ihn: in einem Gemisch aus dunklem Geträum und Teilbewußtsein ging ihm in einem Zuge der Plan des ganzen dritten Teiles lückenlos auf.

Aber nun kam die neue Schwierigkeit; denn jeder weiß ja, wie blitzschnell Träume dem Gedächtnis entschwinden! "Die Nacht lag tief, still, finster um ihn her. Keine Lampe an seinem Lager, nicht Griffel und Blatt ihm zu Hand." Da er, rücksichtsvoll und schamhaft, auch nicht die Nachtruhe des Hauses stören wollte, beschloß er, bis zum Morgen wach zu bleiben. – Genau jenem gobelinbunten Traumgewebe entsprechend liegt heute noch der dritte Teil vor uns: seit der betreffenden Nacht hatte aber auch Fouqué stets Schreibblock und Stift neben dem Bette liegen (wie nebenbei jeder Schriftsteller!).

Das war seinerzeit, trotz des bombastischen Titels, ein gar beliebtes Stück, Zschokke’s ‚Alamontade, der Galeerensklav‘; und also war er zustande gekommen: "An einem Morgen erwacht ich aus einem Traum mit Tränen, die ich geweint hatte und noch fortweinte: an einem sandigen öden Ufer des Meeres war ich einem schönen Jüngling begegnet, der die armselige Tracht und eiserne Kette eines gemeinen Verbrechers trug. In seinem blassen, etwas gesenkten Antlitz lag Ausdruck stillen Duldens, und es lächelte doch zugleich ein ganzer Himmel, wenn er sprach – ich fühlte mich, wie in Verzauberung, zu ihm hingezogen; und im Gespräch tauschten wir, wie Liebende, Seele um Seele. Es war etwas Überirdisches in seinem Wesen; und dann wieder der graue Sträflingskittel und die klingenden Fesseln; er hieß Alamontade..."