b. k., Berlin, Ende Oktober

Am vorletzten Wochenende hatte die Bezirkshauptstadt Neubrandenburg hohen SED-Besuch. Parteichef Ulbricht hatte seinen engsten und wichtigsten Mitarbeiter Willi Stoph samt kleinem Gefolge entsandt, um Ordnung unter den Genossen zu schaffen.

Zwei Tage später war im SED-Bezirksorgan "Freie Erde" zu lesen, bei der 3. Sitzung der Bezirksleitung seien "in der politischen Massenarbeit große Versäumnisse" festgestellt worden, und es habe sich gezeigt, daß "einige leitende Genossen den höheren Aufgaben nicht mehr gewachsen" seien. Der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung, Max Steffen, und sein Vertreter Erdmann wurden mit sofortiger Wirkung von ihren Funktionen entbunden und sollen "eine andere Tätigkeit ausüben, die ihren Kenntnissen und Fähigkeiten entspricht".

Postenwechsel in kommunistischen Parteien sind nicht selten, aber die Abberufung des Ersten Sekretärs einer SED-Bezirksleitung (der Rang entspricht etwa dem eines Gauleiters nationalsozialistischen Stils) gehört dennoch zu den Besonderheiten des politischen Lebens in der Sowjetzone. Überdies hatte sich der Altkommunist Max Steffen noch bis in die jüngste Vergangenheit des ungeteilten Wohlwollens der Parteiführung erfreuen dürfen. Vor knapp zwölf Monaten, als er sein fünfzigstes Lebensjahr vollendete, hatte ihm das SED-Zentralkomitee bestätigt: "Unter Deiner konsequenten klaren Führung entwickelte und festigte sich die Kollektivität der Leitung, hob sich das ideologische Niveau der Parteiorganisation des Bezirks, was sich in den Erfolgen des Bezirks auf allen Gebieten widerspiegelt."

Es ist also höchst unwahrscheinlich, daß Steffen, der seit 1946 ununterbrochen zum SED-Führungskader gehört und seit mehr als acht Jahren Spitzenfunktionär in Neubrandenburg war, plötzlich unter galoppierendem Qualitätsschwund gelitten haben soll. Den Schlüssel zu seiner Abberufung gibt freilich der zweite Teil des von der "Freien Erde" veröffentlichten Kommuniqués. Dort heißt es, die Sitzung habe die "vollständige Einmütigkeit aller Mitglieder und Kandidaten der Bezirksleitung und die Geschlossenheit und enge Verbundenheit mit dem Zentralkomitee unserer Partei und seinem Ersten Sekretär, Genossen Walter Ulbricht, zum Ausdruck gebracht".

Die enge Verbundenheit mit Ulbricht hat Steffen während der vergangenen Wochen, seitdem sich ein unerträglich werdender Führerkult um den allmächtigen Parteichef entwickelte, allerdings nicht zum Ausdruck gebracht. Steffen gehört zu den Altkommunisten – ganz zu schweigen von der Masse ehemaliger Sozialdemokraten –, denen der Größenwahn des SED-Apparates und seiner Führerclique nicht mehr gefällt; außerdem hat er die Scharfmachereien seines vom Ehrgeiz und Machthunger getriebenen Nachbar-Bezirkschefs, des Ulbricht-Günstlings Mewis aus Rostock, nicht mitmachen wollen. Das hat ihn nun seine Stellung gekostet.

Er wird nicht der letzte seiner Chargen sein, den Ulbricht wegen Unbotmäßigkeit in die Wüste schickt. Aber er ist der erste sichtbare Repräsentant eines unter den SED-Genossen offenbar stetig wachsenden Widerstandes gegen die Omnipotenz des einen Mannes, der sich nach dem Tode von Staatspräsident Wilhelm Pieck durch ein Ermächtigungsgesetz zum "Führer" machen ließ.