Sogenannte "Vorzugsaktien" sind im deutschen Aktienwesen nicht gerade häufig. Im Ausland spielen sie meist eine größere Rolle. Das mag daran liegen, daß die deutsche Gesetzgebung die Freiheit der Ausstattung der Vorzugsaktien stark einschränkt. Vorzugsaktien sind das Gegenteil von Stammaktien. Vorzugsaktien sind entweder mit erweiterten Rechten ausgestattet oder ihre Rechte sind eingeschränkt. Man sollte dann lieber von "Nachteilaktien" sprechen. Auf alle Fälle weichen die Vorzugsaktien in ihrer "Ausstattung" von denen der normalen Aktien ab. Wer Vorzugsaktien einer Gesellschaft erwirbt, muß sich deshalb genau über die ihnen anhaftenden Vor- und Nachteile orientieren. Und das ist einer der Gründe, warum der Handel in Vorzugsaktien an den deutschen Börsen recht schwerfällig ist und ihre Kurse – im Vergleich zu den dazu gehörenden Stammaktien – niedriger notiert werden. Kenner nutzen diese Kursdifferenzen aus, wenn der Erwerb von Vorzugsaktien in ihre Anlegedispositionen paßt, sie kaufen bis zu einem Drittel billiger.

Das Vorrecht der Vorzugsaktien gegenüber den Stammaktien kommt in der Regel bei der Gewinnverteilung zum Tragen. Oftmals ist den Vorzugsaktionären eine Dividende in bestimmter Höhe "garantiert." Erst wenn der ausschüttungsfähige Gewinn so groß ist, daß er den für die Dividendenausschüttung an die Vorzugsaktionäre erforderlichen Betrag übersteigt, darf in solchen Fällen eine Dividende an die Stammaktionäre gezahlt werden. Es gibt sogar Vorzugsaktien mit Nachzahlungsverpflichtung. Wenn also in einem oder mehreren Jahren kein ausschüttungsfähiger Gewinn erwirtschaftet worden ist, so bleibt der Gewinnanspruch der Vorzugsaktionäre für die gewinnlosen Jahre bestehen. Er wird befriedigt, sobald wieder Gewinne ausgewiesen werden. Die Stammaktionäre erhalten erst Dividenden, wenn die Ansprüche der Vorzugsaktionäre aus den früheren Jahren befriedigt worden sind. Eine solche Regelung kann für die Stammaktionäre sehr bitter sein, wie wir am Beispiel der Lenz-Bau AG, Hamburg, gesehen haben, wo die Stammaktien nach dem Kriege noch keine Dividende gesehen haben, weil die Gewinne nur ausreichten, um die 5 1/2prozentige Dividende der Lenz-Bau-Vorzugsaktien zu befriedigen. Daraus geht hervor, daß jeder Anleger, der sich an einer Gesellschaft beteiligen will, bei der es Stamm- und Vorzugsaktien gibt, besonders vorsichtig sein muß.

Der Preis für die Dividendengarantie ist in der Regel der Verlust des Stimmrechts. Natürlich dürfen die Vorzugsaktionäre an den Hauptversammlungen teilnehmen; sie haben auch das Recht, Fragen zu stellen und zu den diskutierten Problemen Stellung zu nehmen. Nur sie dürfen sich an Abstimmungen nicht beteiligen. Sie erhalten ihr Stimmrecht erst zurück, wenn die Gesellschaft mit der Zahlung der Vorzugsdividenden in Verzug gerät. Aber dann gelten Sonderregelungen, mit denen wir uns hier nicht näher beschäftigen wollen.

Nun ergibt sich für Sie, meine verehrten Leser, natürlich die Frage: Warum schaffen Gesellschaften Vorzugsaktien, die doch zweifellos in vieler Beziehung eine Belastung, darstellen? Die Antwort ist einfach. Der Gesetzgeber wollte den Gesellschaften auf diese Weise ein besonderes Finanzierungsmittel für den Fall zur Verfügung stellen, daß die Mehrheitsverhältnisse in der Gesellschaft durch die Hereinnahme neuen Kapitals nicht verschoben werden sollen. Nehmen wir also an, daß eine Familie in der Form einer AG ein Unternehmen betreibt und dieses Unternehmen neues Kapital braucht, das von der Familie selbst nicht aufgebracht werden kann. Durch eine einfache Kapitalerhöhung würde der Anteil der Familie am Gesamtkapital kleiner, entsprechend schwindet auch ihr Einfluß. Um das zu verhindern, werden stimmrechtslose Vorzugsaktien ausgegeben. Für das ausgeschlossene Stimmrecht erhalten die Vorzugsaktionäre den bereits erwähnten Mindestdividendenanspruch – sozusagen eine Entschädigung.

"Um an der Macht zu bleiben", gab es früher für Familien und Gruppen noch einen anderen Weg, nämlich den der Mehrstimmrechtsaktien. Diese können dann mit dem 10- oder 100fachen Stimmrecht einer Normalaktie ausgestattet sein und auf diese Weise erreichen, daß eine Gruppe, die sich kapitalmäßig in der Minorität befindet, dennoch den entscheidenen Einfluß auf ein Unternehmen ausübt. Da das eine recht umstrittene Angelegenheit ist, sieht der Regierungsentwurf des neuen Aktiengesetzes vor, daß bestehende Mehrstimmrechtsaktien eingezogen werden sollen. Ihre Schaffung ist schon seit 1937 untersagt. In Einzelfällen war in letzter Zeit zu beobachten, daß Gruppen, die mit Hilfe von Mehrstimmrechtsaktien ihren Einfluß auf ein Unternehmen aufrechterhielten, ihren Kapitalanteil zu verstärken suchten, um, sich gegen für sie unerwünschte Folgen des neuen Aktiengesetzes zu schützen.

über diese Kursunterschiede zwischen Vorzugs- und Stammaktien hat kürzlich das Bankhaus Georg Hauck & Sohn, Frankfurt/Main, eine interessante Untersuchung angestellt, in der es heißt: "In den meisten Fällen werden in Deutschland die Vorzugsaktien mit einem größeren Kursabschlag gegenüber den Stammaktien bewertet. Er beträgt bis zu 35 vH vom Kurs der Stammaktien. Wie erklären sich diese Differenzen? Die meisten Vorzugsaktien besitzen kein Stimmrecht. Sie sind alle mit einer Vorzugsdividende, die kumulativ, d. h. nachzahlbar ist, ausgestattet. Der Vorzug dieser kumulativen Vorzugsdividende müßte, sofern keine Stimmrechtsbeschränkung bestände, zu einer höheren Bewertung gegenüber den Stammaktien führen. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß bei der heutigen guten Konjunktur die Dividenden zum Teil weit über den garantierten Mindestdividenden liegen, so daß der damit verbundene Vorteil nicht so ins Gewicht fällt. In anderen Fällen aber liegt die Dividende der Vorzugsaktien statutengemäß sogar stets über den Dividenden der Stammaktien. Doch auch hier wird die Vorzugsaktie niedriger bewertet.

Stärker als die behandelten Vorzüge fallen offensichtlich die Nachteile ins Gewicht. Drei verschiedene Argumente für die Überbewertung scheinen bei den Anlegern eine Rolle zu spielen: