Wenn einer an der Technik etwas auszusetzen findet, Bedenken gegen den ganzen modernen Lebenszuschnitt äußert oder gar die optimistische Hypothese eines "Fortschritts" grundsätzlich bestreitet, so wird ihm zumeist, in Ermangelung besserer Gegenargumente, der lapidare Satz entgegengeschleudert: "Sie können das Rad der Entwicklung doch nicht zurückdrehen!"

Nein, ich kann es nicht. Aber alle könnten es, wenn sie wollten.

Übrigens, was heißt hier "zurück"? Wenn ich durch geeignete Mittel eine sich in mir entwickelnde Krankheit abgewehrt und den früheren, gesunden Zustand wiederhergestellt habe, möchte ich das nicht als Rückentwicklung, als Zurückdrehen des Entwicklungsrades bezeichnen. Es ist eine Erneuerung, also etwas Positives, also ein "Vorwärts".

Überhaupt, was soll das "Rad" hier besagen? Ist die "Entwicklung" etwa etwas, was, von den Menschen unabhängig, über sie kommt wie gutes und schlechtes Wetter, wie Erdbeben oder Überschwemmungen? Oder ist sie nicht vielmehr eine vom Menschen selbst geleistete Sache? "Dreht" sich das bewußte Rad etwa von selbst und nach eigenem Ermessen, oder wird es nicht vielmehr vom Menschen gedreht, so daß es ganz bei ihm liegt, ob er es so herum oder so herum drehen will? Wenn es aber so ist – und es ist so: der Mensch dreht das Rad, nicht aber wird er von dem Rade da oder dorthin gedreht – dann kann nicht aus der Perspektive des Rades von "vorwärts" oder "zurück" gesprochen werden. Im Sinne des menschlichen Willens ist die Bewegung immer eine Vorwärtsbewegung, gleichviel, wie herum.

Was die so klug argumentierenden Fortschrittsapostel meinen mit dem "Zurückdrehen", kann vernünftigerweise nur bedeuten sollen: das Nichtgebrauchmachen von den verschiedenen "Errungenschaften" der technischen Zivilisation. Ich brauche sie hier nicht aufzuzählen. Sie alle bergen in sich gefährliche Bedrohungen des Menschlichen im Menschen; nicht alle haben dabei ihre nützlich scheinenden, verführerischen Seiten. Aber das Wesen des richtigen Fortschrittsglaubens ist totalitär: das "Ja" zur "Entwicklung" soll ein entschiedenes und unbedingtes. sein. So will es das naive Selbstgefühl des technomanischen Zukunftsoptimismus.

Jedoch auch dieser Totalitarismus findet seine Grenze an den Gesetzen der Vernunft. Auch der begeistertste Entwicklungsfanatiker ist nicht bereit, praktischen Gebrauch von allen Errungenschaften des "neuesten Standes der Technik" zu machen. Niemand, außer einem notorischen Narren oder Verbrecher, wird die atomaren, chemischen und "biologischen" Kampfmittel in Aktion setzen wollen, wenigstens nicht als erster. Diese bewußten Verzichte auf durchaus realisierbare Möglichkeiten bedeuten aber schon jenes Nichtgebrauchmachen vom neuesten Stande der Technik, das andererseits als "Zurückdrehen des Entwicklungsrades" lächerlich gemacht werden soll.

Tatsächlich ist es aber nur eine Frage der wohlbegründeten Überzeugung (vielleicht auch eine Frage des mehr oder minder konsequenten Denkens), an welchem Punkte der Entwicklungstatsachen ich es vernünftig und heilsam fände, mich für das Nichtgebrauchmachen zu entscheiden oder jedenfalls meine Bedenken zur Erwägung zu geben.

Womit hier nicht mehr und nicht weniger gesagt sein soll, als daß ein beträchtlicher Teil unseres so robust zur Schau getragenen Selbstbewußtseins als "moderne Menschen" auf der mehr als wackeligen Basis undurchdachter Phrasen ruht. a-th