Triumph der Unabhängigkeit – Schwarze Halbstarke Schlangentanz und Hundeopfer 84 Filme schildern das Leben in Afrika

Von Erika Müller

Die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts wird als der Beginn eines neuen, von den Schwarzen mitbestimmten Zeitalters gelten. "Der Eintritt Afrikas in die Weltgeschichte unter Führung der Afrikaner ist wahrscheinlich das bedeutendste Ereignis dieses Jahres." Mit diesen Worten eröffnete Bundestagspräsident Dr. Gerstenmaier, der auch der Präsident der Deutschen Afrika-Gesellschaft ist, die im ganzen Bundesgebiet durchgeführte Afrika-Woche. Wer sind diese Afrikaner, von denen wir jetzt immerzu sprechen und die wir doch kaum sehen? Hin und wieder begegnen wir einem auf der Straße oder in der Universität. In den Afrika-Abteilungen der Völkerkundemuseen trifft man gelegentlich Schulklassen und Studenten. Hier und da sieht man in Ausstellungen oder in einem Privathaus die ausdrucksstarken, künstlerisch vollendeten Negerplastiken und Kultgegenstände, die unsere moderne Malerei vor 50 Jahren stark beeinflußt haben. Der Film hat uns mit allen seinen Möglichkeiten, die Wirklichkeit auch in den entferntesten Erdteilen zu schildern, und mit allen seinen Gefahren, diese Wirklichkeit zu verfälschen, das afrikanische Leben vielleicht am sichtbarsten gemacht.

Tamtam – nur auf der Leinwand

Die Afrikanischen Filmtage, die während der Afrikawoche in Berlin durchgeführt wurden, brachten 84 Filme, vorwiegend Dokumentarstreifen, die den afrikanischen Kontinent widerspiegelten. 60 Filme etwa habe ich gesehen, bis sich trotz der geographischen Entfernungen und der verschiedenen Sprachen meine Eindrücke zu verwischen begannen. Es waren die wirkungsvollsten, intensivsten Filmfestspiele, die ich je erlebte. Ohne Stars, ohne Empfänge, aber mit Werken, die von Leuten mit Künstlernerven und Bildung gemacht waren. Und das große Tamtam klang nur von der Leinwand. Allerdings stundenlang, mit Trommeln und zirpenden Instrumenten, mit kultischen Tänzen, Freudenfesten, schwarzen Körpern in Rhythmus und Ekstase. Darunter der atemberaubende Schlangentanz der Bunda-Mädchen im südafrikanischen Urwald. Sie zelebrieren ihn einmal in ihrem Leben, zu zwanzig, dreißig prächtig geschmückt, eng aneinandergepreßt in rhythmischer Schlangenbewegung bei den Einweihungsfeierlichkeiten. Darunter war auch jener schockierende Dokumentarfilm des jungen französischen Ethnologen und Ingenieurs Jean Rouch "Les fils de l’eau", der ein Dorf am Niger bei der Regenbeschwörung, bei einem Felsenbegräbnis und bei Beschneidungszeremonien in der Steppe zeigte. Das neugierige Auge der Kamera hat das Geschehen in allen Einzelheiten festgehalten bis zu jenem Augenblick, an dem die Jungen das Ende ihrer Kindheit demonstrieren und, wie einfach, zur Männlichkeit dadurch erzogen werden, daß sie in rhythmischen Schwüngen die Erde mit Stöcken schlagen müssen.

Aber dies waren Filme der magischen und ammistischen Lebensstufe des vielfältigen Afrika, die eine Gruppe schwarzer Gäste in Berlin, Erzieher vor allem, Intellektuelle, am wenigsten an diesen Filmtagen schätzten.

Vielfalt der Lebensformen