Die Freude an der Bewegung – Filmschule für Schwarze – Zensur gegen Gangsterfilme

Wir in Europa, die wir filmübersättigt undverwöhnt sind, können uns nur schwer eine Vorstellung machen, wie stark der Film auf den afrikanischen Menschen wirkte und noch immer wirkt. Beamte der unter britischer Verwaltung stehenden Territorien, die schon in den dreißiger Jahren aufgefordert wurden, über die Einflüsse des Films auf Afrikaner zu berichten, haben fast einstimmig bestätigt, wie stark der visuelle Eindruck auf das afrikanische Publikum ist, weitaus stärker jedenfalls als das gesprochene Wort.

Das englische Kolonialministerium organisierte bereits vor dem Zweiten Weltkrieg eine Filmgruppe, um die erste Serie von Dokumentarfilmen zu Lehrzwecken zu produzieren. Es handelte sich ausschließlich um Versuchsfilme mit Themen, welche die Angriffsflächen sondieren sollten. Unter anderem wurde ein Film gemacht, der zeigte, wie eine mittlere englische Familie lebt und wohnt. Der Film führte den Titel: "Der Engländer zu Hause." Für die afrikanischen Menschen war jedoch der Film sowohl in der Aussage als in der Technik viel zu kompliziert. Das Publikum konnte dem durch unsere Zivilisation verwickelten Tagesablauf der europäischen Familie nur schwer folgen. Später, als das Publikum befragt wurde, was es bei dem Film besonders interessierte, erklärte die Mehrzahl, die weiße Hausfrau am Kochherd und der Bwana, der höchsteigenhändig die Kohlen ins Haus schleppte!

Die Filmgruppe lernte viel daraus und machte eine weitere Filmserie. Sie machte sich die Erfahrung zunutze, daß Afrikaner eine kindlich reine Freude an Bewegung haben, also ausgesprochen latente Cineasten sind. Nach der zweiten Serie machte ein Forschungsteam eine Art Marktforschung in den Dörfern, wo die Filme gezeigt wurden. Natürlich war den verschiedenen Stämmen nicht mit Fragebogen beizukommen, wie es bei uns die Waschmittelfabrikanten machen. Das Team führte ein umfangreiches Programm von Filmen mit sich. Ein Vorführungsapparat und die Lichtmaschine waren auf einem Auto montiert. Überall wurden die Filmvorführer mit großem Enthusiasmus empfangen. Seit zwanzig Jahren wird diese Marktforschung regelmäßig wiederholt und die Produktion der Erziehungs- und Lehrfilme immer mehr auf die Bedürfnisse und den Geschmack des afrikanischen Publikums zugeschnitten.

Es ergaben sich immer wieder große Schwierigkeiten. Die Filme mußten sich den verschiedenen Stammessitten und Tabus anpassen. Häufig mußte das gleiche Thema in verschiedenen Fassungen gedreht werden. So brauchte ein Film über Geburtshilfe und Hygiene acht Versionen, damit alle Stämme ihn akzeptierten. Den intelligenten Kikuyus und Buganda konnte das Thema Geburtshilfe in zwölf Filmminuten erklärt werden, während man zum Beispiel den Karamojo in Nord-Uganda dasselbe Thema ausführlicher und vereinfacht in zwanzig Filmminuten erklären mußte.

Das englische Kolonialministerium entschloß sich daher, spezialisierte Filmgruppen zu bilden, die sich den verschiedenen Mentalitäten der Stämme anzupassen hatten. Auch wurde jeder Filmgruppe ein afrikanischer Ratgeber beigegeben, um zu verhindern, daß die Filme aus europäischer Mentalität geschaffen wurden.

Der Dokumentarfilm wird in immer steigendem Maße benutzt, um den Afrikanern ein besseres Leben zu ermöglichen. Zum Beispiel stieg die Zusammenarbeit mit den Behörden bei Ausbrüchen der Rinderpest enorm, wo kurz vorher ein Film über das Thema gezeigt wurde. In Uganda wurden Filme über die Tsetsefliege und ihre Bekämpfung gezeigt. Nach der Vorführung marschierte das Publikum geschlossen zum District Officer, um sofort mit ihm zu beraten, wie man die filmischen Vorschläge in die Tat umsetzen könne. Selbst die Medizinmänner, die auch heute noch eine große Macht ausüben, sehen den Film als eine willkommene Bereicherung ihrer eigenen Magie an, genau wie sie sich ganz gern von dem europäischen "Medizinmann" gelegentlich unter die Arme greifen lassen.