Wie haben wir uns eingerichtet? Wohnen wir falsch oder richtig? Zum dritten Male tagte in München das von der "Teppich-Gemeinschaft im Verband der deutschen Teppich- und Möbelstoff-Industrie" veranstaltete Diskussionsforum "Schöner wohnen". Diesmal waren an die 600 Interessenten – Architekten, Textil Wirtschaftler und "Sonstige" – versammelt, und Generaldirektor Werner Schüller erklärte am Schluß mit Genugtuung, das Ziel des Forums, "durch ernsthafte Diskussion unabhängiger Fachleute mit der Fach- und Tagespresse die Wohnprobleme von heute zu klären und Vorschläge für schöneres Wohnen zu erarbeiten", sei erreicht worden.

Ganz so einfach scheint indessen die Sache doch nicht zu liegen. Dr. Alphons Silbermann hob am Ende der Tagung aus dem vorhergegangenen summierten Aufgebot "physiologischer, psychologischer, technologischer, sozialer, sozio-ökonomischer und sozio-kultureller" Gesichtspunkte die Ungeklärtheit der Begriffe "schön" und "schön, schöner, am schönsten wohnen" ins Bewußtsein. Ein begrifflich unverbindliches Wort tauchte auf: Wohnerlebnis, über dessen präzisen Inhalt vermutlich auch eine weitere Spezialdiskussion kaum Einigkeit erbringen dürfte.

Man hat es bei diesem "Forum" bald mit einer Art "Akademie der höheren Wohn-Philosophie und theoretischen Domizilierungs-Kultur" zu tun. Es drängt sich dem Zuhörer mehr als einmal der Gedanke auf, daß nicht nur die berühmten Architekten, die hier in hochgescheiten Vorträgen pro domo sprechen, sondern auch viele ihrer Mitredner und Zuhörer das "schön" oder "schöner wohnen" als Weltanschauung kultivieren. Ähnlich wie gewisse Vegetarier sich zum "höheren Menschen" emporzuessen gedenken, liegt auch in diesem Kreise nicht selten so etwas wie die Devise "Wohne dich empor!" in der Luft. Wogegen es durchaus an hinreichend exakter Definition der einschlägigen Grundbegriffe mangelt und noch mehr an instruktiven Anschauungsobjekten, besonders solchen von belehrendem Vergleichswert. Beispielsweise: die ausgezeichneten Dias, mit denen der amerikanische Architekt Eero Saarinen seine gedankenreichen (übrigens äußerst subjektiven) Darlegungen über "die Ganzheit der Architektur und ihre Einflüsse auf die Wohnraumgestaltung" illustrierte, zeigten wieder einmal nur lauter Objekte, die lediglich für Großkapitalisten und für amerikanisches Landschaftsmilieu in Betracht kommen. Doch gibt es bestimmt zahlreiche, keineswegs "rückständige" Menschen, die auch als Millionäre nicht (wenn schon hinter Glas) sozusagen in der Öffentlichkeit hausen möchten oder bequemen Stühlen die "Sitzgrube" vorziehen würden, die wie ein Schwimmbassin in der Mitte des Raumes liegt und wiederum das Beisammensitzen gleichsam als kultische Handlung zelebrieren läßt. Auch solche Menschen, die dergleichen nicht "schön" finden, möchten jedoch darum nicht "unmodern", möchten jedenfalls ebenfalls "schön" wohnen.

Das ist es, woran es diesem Diskussions-Forum fehlt: Es wird zu wenig um die modernen, die modischen Dogmen gestritten, nur um die Möglichkeiten ihrer Befolgung. Daß die vielgepriesene "Farbfreudigkeit", so wie sie einem täglich in Wohnmöbeln, Caféhausstühlen, Balkonverkleidungen, Wandbemalungen entgegentritt, allzu häufig als barbarisch, ordinär und kitschig empfunden werden muß, nicht weitab von den grellbunten Tüchern, mit denen früher einmal Kolonisatoren die "Wilden" begeisterten, das kommt nicht zur Sprache. "Farbfreudigkeit" ist eben ein Dogma und als solches außer Diskussion. (Nur ein "Priester" darf eventuell daran rühren – und Saarinen tat es in so behutsamer Weise, wie ein großer Mann eine kleine persönliche Schwäche eingesteht). Das Gleiche gilt von den "freien Räumen", den Gebäuden im Einheits-Bahnhof-Theater- und Warenhausstil, den gläsernen Wänden, den stählernen Möbeln im Lazarettstil – lauter Dinge, bei denen "modern" und "schön" einfach als Synonyme gebraucht und hingenommen werden. (Ein zweites Eingeständnis: Der Architekt André Wozenscky, Mitarbeiter von Le Corbusier und Oskar Niemeyer – dem Erbauer Brasilias, für den er einsprang, da eine prekäre politische Situation, die Brasilia bedroht, Niemeyer verhindert hatte, als Hauptreferent zu erscheinen – Wozenscky also gab seinen Vortrag "Form und Funktion" zu, sein Arbeitszimmer als abgeschlossenen Raum mit nur einem Fenster gebaut zu haben, um sich zu isolieren und besser konzentrieren zu können.)

Hätten nicht gerade die beiden erwähnten "Geständnisse" grundsätzliche Themen abgeben können und sollen, nämlich Untersuchungen über die Unterscheidung von "gut" und "schlecht", sinnvoll oder sinnwidrig, schön oder unschön innerhalb der modernen Vorstellungsformen und Gestaltungsabsichten? Damit wäre doch ein immenses Anschauungsmaterial zu verbinden gewesen und hätten vielleicht tatsächlich praktische Ergebnisse herausspringen können, insbesondere wenn der veranstaltende Verband das "Forum" als Ergänzung zu einer informierenden Produktionsschau aufgezogen hätte.

Noch etwas anderes darf nicht verschwiegen werden. Daß es bei der Wohnfrage schließlich nicht um aesthetischen Selbstzweck geht, sondern um den Menschen, das wurde zwar verschiedentlich gesagt, sogar mit Betonung gesagt. Auch daß der Architekt nicht ins Blaue arbeiten dürfe, ohne an die Bedürfnisse und die wirtschaftlichen Verhältnisse des Wohnenden zu denken – also die Untrennbarkeit von Produzent und Konsument. Aber das alles blieb im Abstrakten hängen – die konkrete Darlegung praktischer Konsequenzen aus diesen Feststellungen blieb aus. Es wurde nicht nur auf eine kritische Untersuchung der oben gestreiften Dogmen verzichtet, es wurde auch außer acht gelassen, daß der Persönlichkeit als Schöpferin einer eigenen Wohnwelt mit eigener Atmosphäre kaum noch genügender Spielraum – vor allem kaum ein eigenes Geschmacksurteil und somit keine eigene Entscheidung zugestanden bleibt. Für diesen "schöpferischen Geist" plädierte mit Nachdruck und eindeutig einzig die Diskussionsrednerin Dr. Juliane Roh, während Dr. Franz Roh die Forderung aufstellte, "das Wohnen" solle an Schulen und Hochschulen gelehrt werden – was, wenn sich überhaupt etwas Konkretes dabei denken läßt, doch abermals bloß Normierung und Konformierung bedeuten könnte. Oder verspricht man sich etwas von einem Kolleg über "Individuelle Aesthetik für Jedermann?" Da erwies sich Dr. Max Taut denn doch als nüchterner Realist: Er erzählte mit Bekümmernis, wie die Bewohner des Berliner Hansaviertels sich in ihren hochmodernen Wohnungen wieder genau im alten Stil eingenistet haben, fern jeder Anwandlung von zeitgemäßer Aesthetik, nach ihren gewohnten Vorstellungen von Gemütlichkeit und häuslichem Behagen. Sie haben es ganz und gar nicht anders gewollt. Wohl dem, der zu glauben vermag, sie hätten anderes gewollt, wenn sie beizeiten die einstweilen noch imaginären Wohnkollegs gehört hätten! Es geht hier nicht um Bewußtseinsangelegenheiten, sondern um jenen Ur-Instinkt, der jedes Lebewesen seine Höhle so herrichten heißt, wie es seiner Gattung gemäß ist... Diese Seite der Thematik berührte der Münchener Architekt Ernst Maria Lang, indem er die Variante "Form und Fiktion" vorschlug. Ein unverbesserlicher Individualist, der Maler Hann Trier, bestand auf seinem Recht, seine Wohnung mit Geweihen zu schmücken (wenn er Jäger wäre); ein anderer, Fedor Stepun, brach gleichfalls eine Lanze für den Widerstand gegen die Geschmacksgleichschaltung. Jedoch: das blieben Episoden. A-th