Von Rudolf Walter Leonhardt

Am Sonnabend war in den Hotels von Aschaffenburg kein Zimmer mehr zu kriegen. Das mag zum Teil an der 1. Afaha gelegen haben; zu einem anderen Teil lag es aber sicher auch an dem 14. Tregrusi.

1. Afaha heißt, wie Plakate den Fremdlirg belehren: erste Aschaffenburger Fachausstellung für die Hauswirtschaft. Von dem 14. Tregrusi künden keine Plakate; auch haben die Veranstalter an eine werbewirksame Abkürzung, wie die hier versuchsweise eingeführte, noch nicht gedacht – sie reden einfach, ein wenig altmodisch wohl ("in Stil des 19. Jahrhunderts", wie das in der Kritiker-Sprache der Gruppe 47 heißt), vom Treffen der Gruppe 47"; und das 14. wäre dieses Treffen auch nur dann, wenn jährlich eins stattgefunden hätte. Laut Adam Riese; denn die "Gruppe 47" heißt 47, weil sie im Jahre 1947 als ein kleiner Klub schriftstellernder Freunde in die deutsche Literatur eingeführt wurde. Eine Geschichte der Gruppe 47 wäre zugleich die halbe Geschichte der deutschen Nachkriegsliteratur. Hinter den Kulissen habe ich munkeln hören, daß berufene Chronisten sich daranmachen wollen, sie zu schreiben. Es wäre vermessen, dem vorzugreifen.

Am Freitag, am Sonnabend, am Sonntag pilgerten sie empor zur "Basilica minor" St. Peter und Alexander, die sich hoch über der Haupt-Geschäftsstraße der geschäftigen Stadt Aschaffenburg erhebt. Viele Generationen haben in vielen Stilarten fromm an dieser Stiftskirche gebaut, die denn auch zu den schönen Sakralbauten im nördlichen Bayern gezählt werden darf. Was alles von dem unmittelbar danebenliegenden Rathaus nicht gilt.

Doch hat jenes Rathaus einen geräumigen Sitzungssaal; und dieser Versammlungsplatz der würdigen Ratsherren von Aschaffenburg war das Ziel der profanen Pilger: Autoren (eine bequeme Sammelbezeichnung für Dichter, Schriftsteller und Auch-Schreibende), Verleger, Journalisten, sonstige. Heuer waren’s mehr als je zuvor, alles in allem an die 150.

Einerseits muß es ganz befriedigend sein, dieses Gefühl: sich durchgesetzt zu haben. Und durchgesetzt hat sich die Gruppe 47 – trotz manchen Widersachern, auch aus den eigenen Reihen. Immerhin hat sie Autoren entdeckt und gefördert wie: Ilse Aichinger, Alfred Andersch, Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll, Günter Eich, Hans Magnus Enzensberger, Christian Ferber, Günter Grass, Wolfgang Hildesheimer, Walter Höllerer, Walter Jens, Uwe Johnson, Siegfried Lenz, Ernst Schnabel, Wolfdietrich Schnurre, Martin Walser, Wolfgang Weyrauch. Und immerhin ist es kein kleines Kompliment, wenn drei der führenden deutschen Verleger, während das Weihnachtsgeschäft auf hohen Touren läuft, eine halbe Woche darangeben, um bei einem solchen Treffen der Gruppe 47 dabeizusein; und wenn alle anderen großen belletristischen Verlage doch wenigstens einen leitenden Lektor entsenden.

Andererseits werden die Treffen der Gruppe 47 dadurch natürlich immer weniger das, was sie einmal waren: Begegnungen von Freunden, die einander aus ihren Manuskripten vorlesen und damit freundschaftlichen Rat einholen zur Überwindung der Schwierigkeiten des einsam Vor-sich-hin-Schreibenden.