Im November vor zwanzig Jahren verhandelte Molotow in Berlin mit Hitler und Ribbentrop

Von Paul Sethe

"Krieg ist an sich gewonnen", notierte Generalstabschef Halder Ende Juli 1940 die Ausführungen Hitlers bei einer Befehlshaberbesprechung auf dem Obersalzberg. Weiter: "Rußland ist Faktor, auf den England am meisten setzt. Ist Rußland zerschlagen, dann ist Englands letzte Hoffnung getilgt. Der Herr Europas und des Balkans ist dann Deutschland. Entschluß: Im Zuge dieser Auseinandersetzung muß Rußland erledigt werden. Frühjahr 1941 ..." – War dieser Entschluß Hitlers unabänderlich? Gab es noch eine Chance, dem Zusammenstoß mit der Sowjetunion auszuweichen? Dieser erregenden Frage spürt Dr. Paul Sethe in seinem Beitrag nach, dem zweiten einer Serie, in der er für DIE ZEIT die Wendepunkte des Zweiten Weltkriegs schildert.

Am Morgen des 12. November 1940 sitzt in der Wilhelmstraße zu Berlin ein Kreis von Diplomaten zusammen. Die wichtigsten unter ihnen sind die Minister, denen die auswärtige Politik ihrer Staaten anvertraut ist. Der Gastgeber, Joachim von Ribbentrop, schlank, in eleganter Haltung, gibt sich heute nicht so hochmütig wie sonst fremden Besuchern gegenüber. Er bemüht sich, liebenswürdig zu sein, Sympathien zu erwecken. Seine Aufgabe ist es, zu gewinnen und zu überzeugen.

Sein Gegenüber ist breit und untersetzt. Das aufmerksame Gesicht wirkt wie das eines nüchternen Kaufmannes der alten russischen Schule, So nüchtern erweist er sich während der ganzen Unterredung, nur selten spricht er, und noch seltener huscht der Anschein eines Lächelns über seine Züge. Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow hat die Aufgabe, zu sondieren, vorzufühlen, zu prüfen, vorsichtige Anregungen zu geben. Die Entscheidung wird sein Herr und Meister in Moskau fällen.

Der Reichsaußenminister fühlt die Größe seiner Verantwortung; er darf die Überzeugung haben, Mitwirkender in einer historischen Stunde zu sein. Aber das Werk, das er diesmal zu vollführen hat, ist schwieriger als das vom August 1939. Damals schloß er in Moskau den Freundschaftspakt mit Stalin. Seitdem hat Deutschland strahlende Siege errungen, aber seine Lage ist ungünstiger als im Vorjahre. Damals brauchte es das Wohlwollen Rußlands, jetzt braucht es dessen Waffenkraft.

Mit Rußland gegen England?