Von Paul Dietrich Consmiiller

Börsenkreise in Montreal rechnen fest damit, daß mehrere deutsche Spitzenwerte in absehbarer Zeit an der Montreal Stock Exchange notiert werden. Die Europareise des Präsidenten der Montrealer Börse, Professor Eric W. Kierans, hat dessen Erwartung bestätigt, daß der Plan, der Börse in Kanadas größter Stadt eine internationale Sektion anzugliedern, bei der westeuropäischen Industrie auf Interesse stoßen würde. Kierans zeigte sich von seinem Aufenthalt in der Bundesrepublik stark beeindruckt und betonte, seine Gespräche mit deutschen Bankiers und Industriellen hätten ihn stärker als je zuvor spüren lassen, wie wertvoll eine Intensivierung der wirtschaftlichen Beziehungen für beide Länder sein könne. Die Notierung deutscher Aktien in Montreal werde sicher dazu beitragen, das gegenseitige Interesse in der Zukunft zu erhöhen.

Wenn keine unvorhergesehenen Verzögerungen entstehen, ist zu erwarten, daß die internationale Sektion der Montrealer Börse im Laufe des Januar zu funktionieren beginnt. Zum ersten Male werden dann deutsche Aktien an einer kanadischen Börse gehandelt. Aus naheliegenden Gründen nannte Professor Kierans noch keine Namen, man geht aber nicht fehl in der Annahme, daß sie im Bereich der IG-Farbennachfolger, der Schwerindustrie und anderer internationl bekannter Unternehmen zu suchen sind. Nicht ohne Einfluß dürfte die Tatsache sein, daß eine Reihe dieser Gesellschaften, wie beispielsweise Farbenwerke Bayer, Höchster Farbwerke, BASF, Klöckner, MAN, DEMAG, Daimler, Rheinrohr, Mannesmann, durch Filialen oder Beteiligungen in Kanada vertreten und im Laufe der Jahre für viele Kanadier ein Begriff geworden sind. Fürs erste wird die deutsche Gruppe jedoch kaum mehr als fünf oder sechs Werte ausmachen. Später soll sie gegebenenfalls erweitert werden.

Für etwaige deutsche Bedenken gegenüber "Hot Money" aus Kanada sieht Kierans keinerlei Grund. Kanada sei eher ein Geldnehmer als ein Geldgeber, und daran werde sich so bald nichts ändern. Die Nachfrage nach deutschen und anderen europäischen Aktien würde sich nach den bisherigen Erfahrungen in erster Linie bei individuellen Anlegern ergeben, denen an Streuung ihres Kapitals gelegen sei.

In der Praxis wird sich der Handel in sogenannten Canadiern Depository Receipts vollziehen, also nach dem New Yorker Muster. Solche Zertifikate beziehen sich auf Aktien, die sich im Besitz einer kanadischen Trust Company oder ihres Korrespondenten in Deutschland befinden. Auf diese Weise wird vermieden, daß nach jedem Besitzwechsel ein Transfer der Aktienurkunden über den Atlantik hinweg vorgenommen werden muß.

Es ist bezeichnend für die Persönlichkeit des Montrealer Börsenpräsidenten, daß er sich nicht abhalten ließ, seine Besuche bei westeuropäischen Bankiers und Industriellen zu einer Zeit abzustatten, als Kanadas Wirtschaft nicht gerade die beste Presse in Europa hatte. Kierans kommt aus dem harten Alltag geschäftlichen Wettbewerbes. Daß Konjunktur und Expansion, fluktuieren, weiß er aus eigener Erfahrung. Zeit und Gelegenheit, über den Rahmen des eigenen Geschäftes hinauszudenken und die wirtschaftlichen Verhältnisse seines Landes eingehend zu studieren, boten sich ihm, als er vor sieben Jahren an die volkswirtschaftliche Fakultät der McGill Universität berufen wurde. Das alles hat Kierans zu einem Realisten gemacht, der in seinen Reden keine Rücksicht auf das junge Selbstgefühl seiner Landsleute nimmt, wenn es um wirtschaftliche Wahrheiten geht, für den es andererseits aber außer Zweifel steht, daß Kanada mit seinem Reichtum an Bodenschätzen und Energiequellen ein enormes Entwicklungspotential besitzt. Er sei froh, wie er wörtlich sagte, daß seine europäischen Gesprächspartner in der Mehrzahl der gleichen Auffassung seien.

Kierans’ Realismus ist es auch zuzuschreiben, daß europäische Aktien an der Montrealer Börse eingeführt werden, obgleich in der kanadischen Öffentlichkeit seit einiger Zeit eine "Investierein-Kanada"-Kampagne im Gange ist, die zum Ziel hat, dem amerikanischen Kapital etwas von seinem Übergewicht im Lande zu nehmen. Börsenpräsident Kierans sagt dazu, daß Kanadier, die europäische Werte erwerben wollten, es sowieso tun würden. Es liege infolgedessen im Interesse aller Beteiligten, für möglichst schnelle und reibungslose Abwicklung solcher Geschäfte zu sorgen und den Austausch von Informationen zu verbessern. Eine Auffassung, der man hüben und drüben nur zustimmen kann.