Der Eisenhüttentag 1960 hat wie kaum einer seiner Vorgänger demonstriert, welch weltweite Resonanz das Wirken des Vereins Deutscher Eisenhüttenleute findet. Er hat auch erkennen lassen, daß die Aufgaben, die sich ihm beim Eintritt in sein zweites Jahrhundert stellen, keineswegs kleiner geworden sind. Seinerzeit gab die "steigende Conkurrenz des Auslandes" den Anstoß zur Gründung des Zusammenschlusses "der gesamten vaterländischen Eisenindustrie".

Ein Jahrhundert lang hat der Verein nunmehr die Entwicklung der deutschen Eisenindustrie von ihren Anfängen bis zur neuzeitlichen Großindustrie begleitet und ihr Wachsen gefördert, wie dies seine Satzungen von Anbeginn an vorschrieben. Die mit ihm begründete Gemeinschaftsarbeit, d. h. die bewußte Abkehr von der früher üblichen "Geheimniskrämerei", und Erfahrungsaustausch, auch mit vor- und nachgeschalteten Industrien, zwischen Erzeugern und Verbrauchern, schufen nicht zuletzt die Voraussetzungen für die erzielten großen Erfolge in der Verbesserung der Produktionsverfahren und der Güte der Erzeugnisse.

Aus 25 Ländern der Welt waren in diesem Jahr Teilnehmer und Gäste zum Eisenhüttentag nach Düsseldorf gekommen. Und dieses ungewöhnlich starke Interesse galt nicht nur dem 100jährigen Jubiläum der Gastgeber, sondern es bewies vor allem, daß der Kreis der Länder, die sich heute für technische und wirtschaftliche Fragen der Stahlerzeugung interessieren, erheblich größer geworden ist und noch werden wird. Die "klassischen" Stahlländer der Welt – von denen die Bundesrepublik nach den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion das drittgrößte ist – haben Gesellschaft bekommen. Es gibt neben den "Großen" bereits jetzt kleine und kleinste Schwerindustrien; sie finden alle ihren Raum in der Welt des wachsenden Stahlverbrauchs, aber diese Entwicklung hat schon heute – und vielmehr noch in einigen Jahren – ihre Rückwirkungen auf die Entscheidungen der alten Stahlzentren.

Prof. Dr. Hermann Schenck wies in seinem traditionellen Schlußwort zum Eisenhüttentag darauf hin, daß sich die deutsche Stahlindustrie in einem zunehmend schärfer werdenden Wettbewerb wird behaupten müssen. Die sogenannte innere Konkurrenz gebe noch keinen Anlaß zu grundsätzlichen Entscheidungen für die Hüttenwerke; aber es sei mit Sicherheit zu erwarten, daß die eigentlichen Aufgaben durch die äußere Konkurrenz, d. h. den Wettbewerb der nationalen Industrien, gestellt werden. Die Rohstahlerzeugung zeige in allen Ländern, wo sie sich angesiedelt habe, einen robusten Ausdehnungswillen. Viele Defizitländer bemühten sich, ihren Bedarf selbst zu decken und sogar in den Export zu gehen. Aber solche Tendenzen in aller Welt, die durch politische Blockbildungen, wachsendes Selbstgefühl der Staaten und natürlich auch vom Rationalisierungsgedanken her schwer bestimmbare Antriebe erhalten, müßten dahin führen, so hob der Vorsitzende des Vereins Deutscher Eisenhüttenleute hervor, daß das Stahlangebot wächst "und mit hoher Wahrscheinlichkeit schneller wächst als die Nachfrage". Die Entschlüsse der deutschen eisenschaffenden Werke würden in den nächsten Jahren von der Verschärfung des Wettbewerbs her bestimmt werden.

Es gehört zu den guten Gepflogenheiten der Eisenhüttentage, zunächst an die eigene Adresse zu appellieren; jedoch wies Schenck auch nachdrücklich auf die Grenzen hin, die den werkinternen Bemühungen zur Erhöhung der Standfestigkeit der Unternehmen gesetzt sind. "Wir stehen dann vor der Tatsache", so sagte er wörtlich, "daß die nach außen gelangenden Anregungen oder Vorstöße zu vernünftigen Lösungen in den Strudel der verschiedensten Meinungen und Verdächtigungen geraten: das fördert leider nicht die Objektivität. Derartigen Diskussionen begegnen wir regelmäßig, wenn Vorschläge oder Anträge zur Vergrößerung oder zum Zusammenschluß von Werken auf die grünen Tische kommen, obwohl in der Praxis der ganzen industriellen Welt das Prinzip großer Erzeugungseinheiten als gesund und richtig betrachtet und daher auch durchgesetzt wird." Nach der Behandlung verschiedener Anträge durch die Hohe Behörde hätte die deutsche Stahlindustrie Grund zu der Annahme, daß das Wohlwollen bei der Interpretation des Begriffs Marktbeherrschung nicht ganz gleichmäßig verteilt werde. Für das taktische Entstehen von Machtstellungen aus Zusammenschlüssen und selbst aus Kartellen seien aber im Bereich der Eisenhütten-Industrie die Voraussetzungen so gering, daß man "diese Chimäre nicht künstlich am Leben erhalten sollte, um zum Beispiel mit Investitionskontrollen in das eigene Leben unserer Unternehmungen einzugreifen".

Zu den Investitionen im Bereich der eisenschaffenden Industrie – die häufig in Gesprächen über eine Konjunkturüberhitzung genannt werden – wurde gesagt, daß sich die deutschen Werke noch keineswegs rühmen könten, im Durchschnitt die leistungsfähigsten und rationellsten Anlagen zu haben. Neben hervorragend ausgebauten Spitzenwerken befinden sich auf dem gleichen Produktionssektor immer noch Werke mit überalterten Betrieben, für die es in absehbarer Zeit lebensnotwendig werde, Neubauten zu errichten.

Professor Schenck wies den Vorwurf eines übersteigerten Investitionstempos für den Bereich der deutschen Stahlindustrie energisch zurück. Die Neuanlagen – so hieß es in seinen Ausführungen – müßten stets auf die Zukunft zugeschnitten werden. So könne es durchaus sein, daß der Aufbau einzelner Sektoren der Bedarfsentwicklung für eine gewisse Zeit vorauseile; das sei eine in allen Stahlländern durch die Eigenart ihres Wachstums vorgegebene Problemstellung, von der auch die deutschen Werke nicht ausgenommen seien. Sie sei aber keinesfalls unter den viel verwendeten Begriff der Konjunkturüberhitzung zu stellen.

Ingrid Neumann