Hamburg

Vor der Großen Strafkammer 8a des Hamburger Landgerichts fand eine Verhandlung ohne Angeklagten statt, ein sogenanntes objektives Verfahren. Objekt der Anklage war das in deutscher Sprache im Merlin Verlag, Hamburg, erschienene Buch des französischen Schriftstellers Jean Genet. Seinen Verleger Andreas Meyer hatte die Staatsanwaltschaft subjektiv nicht für schuldig befunden: das von ihm verbreitete Buch sei zwar unzüchtig, er sei sich dessen aber nicht bewußt gewesen und habe sich deshalb nicht strafbar gemacht.

Schließlich hatte der Verleger ja das Buch eines Mannes publiziert, für den sich in Frankreich Cocteau und Sartre, Picasso und andere Künstler eingesetzt haben und der sogar "der größte lebende Dichter Frankreichs" genannt worden ist.

Zweifellos ist Genet ein Dichter, ebenso zweifellos ist sein Buch in manchen Teilen obszön. Die Frage, die das Gericht prüfen will, ist: überwiegt in Jean Genets Buch "Notre Dame des Fleurs" der literarische Wert oder das Obszöne?

Der junge Verleger sitzt neben seinem Anwalt auf einer Bank hinten im Saal. "Wir verstehen uns so schlecht sagt der Vorsitzende, "kommen Sie doch bitte weiter nach vorn." Die beiden setzen sich bereitwillig auf die günstiger gelegene Anklagebank. Aber da will sie der Richter nicht lassen – zwei Stühle werden ihnen gebracht, und nun ist die Verständigung leichter. Die Verhandlung hat ohnehin den angenehmen Ton einer Unterhaltung gebildeten Herren. Auch die Zuhörer sehen anders aus als sonst im Gerichtssaal. Es sind nur sechs.

Jean Genet hat dieses, sein erstes Buch 1942 im Gefängnis von Fresnes geschrieben (Paul Hühnerfeld besprach es ausführlich im Feuilleton der ZEIT vom 13. Mai 1960). Genet – bevor er zu schreiben begann, ein gewohnheitsmäßiger kleiner Gesetzesbrecher – verherrlicht Homosexualität und Mord, er glorifiziert und überhöht sie mit poetischen Mitteln.

Andeuten ist nicht seine Sache, er nennt alles beim Namen und läßt seine Leser nicht über Einzelheiten geheimster und abseitigster Vorgänge im Zweifel. Im Gegenteil: er zelebriert, was meist weggelassen wird. "Es ist die Frage", sagt der referierende Richter, "ob sich da neue dichterische Werte ans Licht drängen, die weder Lieschen Müller noch Doktor Lieschen Müller versteht."