Wenn der deutsche Sparer auf dem Aktienmarkt nach Anlagemöglichkeiten sucht und sich von seiner Bank beraten läßt, dann setzt er voraus, daß ihm seine Bank von vornherein nur Papiere anbietet, die als "sicher" gelten. Natürlich verkauft kein Institut mit den Aktien auch gleichzeitig einen Garantieschein. Aktien sind nun einmal Risikopapiere. Damit muß sich der Sparer abfinden. Wenn er glaubt, das unternehmerische Risiko nicht tragen zu können, dann muß er eben festverzinsliche Papiere kaufen oder seine Ersparnisse auf Sparkonten belassen. Ich sagte Ihnen schon bei früherer Gelegenheit, meine verehrten Leser, daß ein deutsches Kreditinstitut sehr viel Interesse daran haben muß, seine Wertpapierkunden gut zu bedienen, denn in den meisten Fällen machen diese ja nicht nur Wertpapiergeschäfte mit der Bank, sondern haben bei ihr auch noch laufende Konten, vielleicht Sparkonten, nehmen gegebenenfalls dort Kredite und beschaffen sich Devisen, sei es nur für Reisezwecke. Im Ausland gibt es die Allround-Tätigkeit der Banken nicht überall. Das führt zu anderen Gepflogenheiten, die man kennen muß, wenn man mit ausländischen Banken oder ähnlichen Einrichtungen verkehrt und nicht enttäuscht werden will.

Der deutsche Sparer als Aktionär bleibt in der Regel von dem Gründungsrisiko, das sich bei der Errichtung neuer Unternehmen ergibt, glücklicherweise verschont. Die Aktien junger Unternehmen (oder solche, welche die Gesellschaftsform in eine AG gewandelt haben) kommen erst dann zum Verkauf über die Banken (und später über die Börse), wenn sich gezeigt hat, daß die Gesellschaft rentabel arbeitet, d. h. Dividenden zahlen kann. Solange noch irgendein Gründungsrisiko besteht, ist der Mann am Bankschalter mit Empfehlungen sehr vorsichtig, denn er hat es schließlich auszuhalten, wenn der Kunde später unzufrieden ist. Man mag diese Form der Anlageberatung, wie sie in Deutschland üblich ist, begrüßen oder nicht. Man muß aber anerkennen, daß die stille Vorauswahl der Banken manche Enttäuschung verhindert. Auf der anderen Seite hält sie aber auch die breite Masse vom Gründungs"geschäft" fern. Aktionäre, die von der Gründung an bei einer Gesellschaft sind, machen – wenn alles gut geht – die besseren Gewinne als solche Sparer, die die Aktien eines Unternehmens erst dann kaufen, wenn es seine Kinderkrankheiten schon hinter sich hat. Aber die Gründer laufen dafür auch Gefahr, ihren gesamten Einsatz zu verlieren, was bei den "späteren" Aktionären nicht mehr im gleichen Ausmaß der Fall ist.

Dies als Erklärung, warum die deutschen Banken nicht so "interessante" Offerten zu machen haben, wie es beispielsweise eine Genfer Maklerfirma wieder einmal tat. Einige Leser erhielten in diesen Tagen von dieser Firma folgendes Schreiben:

Persönlich und vertraulich!

Sehr geehrter Herr...

Wir erlauben uns, Ihnen mitzuteilen, daß wir soeben von unserer Genfer Zentrale eine beschränkte Anzahl Aktien der "Land- und Entwicklungsgesellschaft" für unsere Nebenstelle in Deutschland zugeteilt erhielten.

Somit wären wir in der Lage, Ihnen zwei Aktien dieser Gesellschaft zum besonderen Vorzugspreis von je sfr 510,– anzubieten, während der offizielle Kurs heute bereits sfr 530,– beträgt. Hierzu möchten wir noch kurz erwähnen, daß wir die Chancen dieser Aktien für außergewöhnlich gut erachten und schon in Kürze mit einem sicheren Kursgewinn rechnen.