Auf roten Verlourteppichen noch schreitet der Kunde bei Fortnum & Mason in Londor einher. Es ist das berühmteste Delikatessengeschäft Europas. Bedient wird bei Fortnum & Mason im – schwarzen Anzug.

Fortnum & Mason-Kunden haben gewiß mit kühler Geringschätzung zur Kenntnis genommen, was die englische Sonntagszeitung Observer ihren Lesern jüngst berichtet hat. Für die heranwachsende Generation, so prophezeite das Blatt, werde das Einwerfen einer Münze in einen Automaten bald ebenso alltäglich sein wie das Geldzahlen über den Ladentisch; man schätze, daß die britische Bevölkerung im Jahre 1980 eine Milliarde Pfund für den Einkauf aus Automaten ausgeben werde. Anlaß zu solcher Voraussage war die diesjährige Automatenausstellung in London.

Zwischen den Anachronismen roter Velourteppiche und schwarzbefrackten Personals einerseits und der Zukunft der Automaten andererseits liegt das Heute. Es ist gekennzeichnet durch einen katastrophalen Mangel an Verkaufspersonal.

"Für achttausend Mark inseriert haben wir – und bekommen fünf Bewerbungen", erzählt der Chef eines bekannten Filialunternehmens des Lebensmittel-Einzelhandels. Woher er die vierzig Verkäuferinnen nehmen soll, um zwei neue Großfilialen eröffnen zu können, ist ihm vorläufig noch ein Rätsel. Dabei hat das Unternehmen mit seiner Werbung die sogenannten Notstandsgebiete bevorzugt, wo noch am ehesten Bewerber zu finden sein sollten.

Ein Schlaglicht auf die gegenwärtige Situation werfen auch die Statistiken der Arbeitsverwaltung: Ein Fünftel aller Lehrstellen, die im Frühjahr nicht besetzt werden konnten, entfielen auf den Einzelhandel. Für 50 000 Ausbildungsstellen waren keine Bewerber oder besser gesagt Bewerberinnen zu finden. Denn schon heute sind 75 vH der Einzelhandelsangestellten Frauen. Der Verkaufsberuf ist also schon heute ein "typischer Frauenberuf" – belastet mit den ebenso typischen Imponderabilien, die sich daraus besonders in der Überkonjunktur ergeben: Viele Verkäuferinnen heiraten früh. Das bringt zusätzlich zur heute allgemein beklagten Fluktuation viel Unruhe, besonders in diesem Wirtschaftsbereich. Betroffen ist vor allem der Lebensmitteleinzelhandel, von dem sich der weibliche Nachwuchs wesentlich weniger angezogen fühlt als etwa von den Kosmetik- und Modegeschäften.

So kommt es, daß selbst jene großen Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels, die erheblich über dem Tarif liegende Gehälter zahlen, bei der Einstellung von Verkaufspersonal nicht mehr so zimperlich sein können.

"Wir nehmen alles, was kommt, und wir bekommen dennoch nicht genug Leute." So bekennt man freimütig im Chefzimmer eines von uns besuchten Unternehmens, wo man längst entdeckt hat, daß aus einer guten und erfahrenen Hausfrau oft schnell eine passable Verkäuferin werden kann. Also stellt man auch ungelernte Frauen zwischen vierzig und fünfzig ein, steckt sie für drei Monate auf Probe in die Verkäuferinnenschürze und zahlt ihnen sofort ein Gehalt von 435 Mark.